Die Diskussion um die Sinnhaftigkeit von Geldspenden in Bezug auf die Flutkatastrophe in Pakistan vermittelt einen rechten guten Eindruck, wie Rechtsradikalität und Nationalkonservatismus heute funktionieren.
Die Rechten sind keine im Stechschritt marschierenden, Doc Martens tragende Glatzköpfe, die nach Bier stinken und denen man die Verrohung meilenweit gegen den Wind ansieht. Und mit dieser Tatsache kokettieren die Rechtsrechten auch, wenn sie sich in Foren darüber auslassen. Ihr Credo ist: Es gibt keine Rechtsradikalen mehr, denn man sieht ja keine Skinheads mehr auf den Straßen. Zumindest fast keine. Der Eindruck, den sie zu vermitteln versuchen ist, daß der Nationalsozialismus in der Mitte angekommen sei.
Es gibt keine Rechten mehr, denn sie sind bürgerlich geworden.
Die Diskussion um die Spenden ist da recht aufschlussreich. Einige der Hauptargumente der Spendengegner sind:
• Das Geld kommt eh bei denen nie an, weil die aufgeblähten Hilfsorganisationen den Großteil der Kohle selbst einsacken
• Das Geld erreicht nie und nimmer die Betroffenen, weil es sich die Oberschicht einsackt
• Daß sind bitte Moslems, denen sollen doch die Taliban helfen. Und Allah.
• Wir sollen doch bitte zuerst einmal den eigenen Leuten helfen, den Landsleuten, die im Elend leben.
• Wir haben ja schon durch unser Steuergeld gespendet.
Es wäre müßig, auf die einzelnen Punkte einzugehen. Fakt ist, dass im Umgang mit Spendengeldern sicherlich Optimierungsbedarf herrscht. Dies jedoch in Diskussionen und als Entscheidungsgrundlage für das eigene Tun heranzuziehen, ist heuchlerisch.
Beobachtet man über einen längeren Zeitraum die Diskussionen um Spenden, die ins Ausland gehen, entdeckt man mit schöner Regelmäßigkeit, dass 90 % der Spendengegner in den selben Foren schon in früheren Postings als ausländerfeindlich, roh und zynisch aufgefallen sind. Was sie vom gerne transportierten Bild der Neonazis unterscheidet ist, dass sie ihre Ansichten und Meinungen als vernunftbetont und klarsichtig verkaufen. Dahinter stecken immer und immer wieder die beiden Grundeigenschaften des Rechtsradikalen: Mitleidlosigkeit und Egoismus.
Sie trachten in allem, was sie als Meinung verkaufen danach, die natürliche Fähigkeit des Menschen, Mitleid zu empfinden, aufzulösen und als träumerisch und linkslinks, als staatsfeindlich zu vernadern. Ihre Argumentationen sind nach dem Prinzip des Rabulismus aufgebaut, sind also in sich so logisch, dass die dadurch geschaffene eigene Logik argumentativ fast nicht mehr aufzubrechen ist. Folgt man der augenscheinlich Vernunft ihrer Argumente, entdeckt man sehr schnell, wie verführerisch das Grundkonzept des “Die eigenen Leute zuerst” Denkens ist.
Dröselt man jedoch die Argumentationsschienen auf, entdeckt man sehr schnell, dass all die, die sich als Stimmen der nationalen Vernunft verkaufen, selbst nie auf der Geberseite stehen. Der Ruf: “Die eigenen Leute zuerst” geht leicht über ihre Lippen, ist aber nie mehr als eine Aufforderung an “die anderen”, das Geld im Lande zu belassen. Leute, die sich strikt gegen Spenden ins Ausland aussprechen und ihre Mitleidlosigkeit und ihren Egoismus als Vernunft verkleiden, die spenden auch im Inland nichts. Sie beteiligen sich an keinerlei karitativen Einrichtungen, spenden weder Geld, noch Zeit noch Trost. In Wirklichkeit sehen sie sich ausgeblutet durch den Staat und verlangen stets Aufmerksamkeit und Zuwendung. Und jede Hilfsaktion, die die wirklichen Elenden betrifft, ist eine Hilfsaktion, die nicht an sie gerichtet ist.
Die Methodik ist bestechend einfach: Betrachtet man Rechtskonservatismus als einen Versuch, Egomanie und Mitleidlosigkeit als politisches Konzept zu verkaufen, kann dieses Konzept nur Menschen direkt ansprechen, die dazu neigen, ihre eigene Menschlichkeit verrohen zu lassen. Wer das nicht glauben möchte, braucht nur in den unzähligen deutschsprachigen Internetforen mitlesen, in denen politische und gesellschaftliche Themen besprochen werden.
Eine der Lieblingsfragen der Rechtskonservativen, wenn es um Spendengelder geht, um Hilfsorganisationen, um staatliche Unterstützung künstlerischer und kultureller Organisationen: “Ja was kostet das denn?”
Die Frage impliziert Vernunft und Weitblick, ist aber in Wirklichkeit nur ein eher schlecht getarntes Zeichen dafür, dass man von rechtskonservativer Sicht die Aufmerksamkeit in Bezug auf eine Sache auf den materiellen Wert, und weg vom humanitären und gesellschaftlichen Sinn lenken möchte. Die Frage nach dem “Was kostet das” ist kreischend und laut und in der Mediendebbatte um den Wert einer Sache nicht mehr wegzudenken, spiegelt aber auch eine erschöpfende Verrohung unserer Werte wieder. Die Rechnung ist einfach: Sobald die Kosten einer Sache zum Hauptthema werden, verschwindet die Debatte um den Sinn wie von selbst. Denn alles, was etwas kostet und “vom Steuerzahler” bezahlt wird, ist etwas, das einem selbst nicht zugute kommt.
Der Rechtsradikale möchte sich gerne in Gesellschaft sehen. In Kameradschaft, wo sein weinerlicher Egoismus und seine kleine, verdröselte Mitleidlosigkeit als echter gesellschaftlicher Wert und als vernünftig anerkannt wird. Und deshalb trachtet er auch danach, möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, dass es klug und richtig ist, nicht zu spenden, nicht zu geben, mißtrauisch zu sein, Angst zu haben. Rechtsradikale sind äußerst produktiv im Entwickeln und Ausmalen von Bedrohungsszenarien – wie zum Beispiel ein User im Talksalon der Krone Online stets beweist: Spendet man an Pakistan, versickert das Geld, oder noch schlimmer, es hilft den Menschen dort zu überleben. Die natürliche Auslese durch die Natur würde unterlaufen werden und die Überlebenden könnten bei dem Versuch, dem Elend ihres Landes zu entgehen, Europa überrollen.
Die Argumentation ist bestechend: Spendet man, unterstützt und fördert man sozusagen ein Bedrohungsszenario: zig millionen von ausgehungerten Pakistani könnten als Flüchtlingswelle nach Europa rollen, der Familienzuzug würde gewährleisten, dass man ihre Familien nachholen müsste und wir alle würden überlaufen werden.
So argumentieren Menschen, die man mit Fug & Recht als Neonazis bezeichnen kann. Sie tragen keine Schnürstiefel mehr, rasieren sich keine Glatzen und sie sitzen nicht Abend für Abend in billigen Spelunken und saufen sich nieder.
Sie sehen gut und gepflegt aus, sind freundlich nach allen Seiten. Und noch viel öfter sind sie selbst Nettoempfänger von mannigfaltigen Zuwendungen. Doch für sie ist es stets zuwenig, solange es Menschen gibt, denen es noch übler ergeht als ihnen selbst oder denjenigen, die sie als hilfswürdig betrachten.
Der Kreis schließt sich: Die Grundlage für Rechtsradikalität sind Egoismus und Mitleidlosigkeit. Und Rechtsradikalität verkauft sich als vernünftig und in der Mitte der Gesellschaft angekommen.