Wer ist Nibis Amida?

So leid es mir auch tut, auf diese Frage wird es keine befriedigende Antwort geben. Einige Hinweise kann ich anbieten, nur einige wenige Anhaltspunkte. Nibis Amida ist ein Tempeltänzer, ein Dämon, ein ägyptischer Magier, der einst eine Dynastie in den Untergang trieb, er ist die dunkle Seite vom Schreiber Neferti. Er ist ein Gottseibeiuns, ein erotischer Teufel, ein Verführer und Serienmörder. Es ist ein Name, den ich verwende, wenn ich von der dunklen Seite schreibe, von jenem Teil, der uns ebenso anzieht wie auch in Angst und Schrecken versetzt.

Und natürlich ist “Wer ist Nibis Amida?” der Titel einer Novelle, an der ich gerade schreibe.
Die Handlung setzt auf einem unveröffentlichten Roman von mir auf, der den Arbeitstitel: “Die Träume einer schlafenden Katze” hat. Zur Handlung des Romans möchte ich eigentlich nichts sagen, zu der Entstehungsgeschichte allerdings schon.
“Die Träume …” war die Fortsetzung eines Romanprojekts namens “Sphere”, eine Art halluzinatorische Sci-Fi Geschichte voll mit abgründigen, bösen und gewalttätigen Szenen. Es gab mehrere Ansätze, mich Nibis Amida anzunähern. Im ersten Entwurf war er einfach die Summe allen Begehrens, an dem der Einzelne scheitert, das fleischgewordene Versprechen, das Unsägliche zu erfüllen. Später kamen spirituelle Werte dazu. Schlussendlich wurde aus ihm ein “Wild Boy”, ein besessener und sadistischer Kämpfer wie aus Burroughs Western Lands.
Man könnte zusammenfassend sagen, Nibis Amida steht stellvertretend für all das, was wir zuinnerst begehren, und an dem wir nur scheitern können; ausgebrannt, verzagt und gekrümmt, davontaumelnd wie betrunkene, graugeschminkte Clowns auf hochhackigen Schuhen.

In der aktuellen Novelle “Wer ist Nibis Amida” erzähle ich von einer Weltraummission, die ganz und gar versagt, weil das Gegenteil von dem erreicht wird, was angestrebt wurde. In nicht allzuweiter Ferne entdecken Astronomen ein mondgroßes Objekt, welches auf seinem Weg durchs All auch durch unser Sonnensystem kommt. Bald stellt sich nicht nur heraus, dass das Objekt größer ist als unser Erdmond, sondern auch, dass es augenscheinlich aus siebenundzwanzig Stücken besteht, die irgendwie zusammenhalten. Noch später stellt sich heraus, dass die einzelnen Brocken untereinander mit Stahltrossen verbunden sind. Dies ist auch der Startpunkt für die Vorbereitungen einer Mission zu dem Eindringling. Die Vorbereitungen dauern mehrere Jahre, ein neues Shuttle wird gebaut, die Besatzung ist international. Die Menschheit hat ihre Scharmützel beigelegt, ihre Kriege aufgegeben angesichts der Tatsache, dass es da draußen vielleicht doch Leben gibt.

Die Mission zu diesem Objekt wird zum Gratmesser unserer Fähigkeit, uns gemeinsam einem großen Ziel zu widmen. Dem internationalen Team bleibt nach der Landung auf einem der Brocken nur ein schmales Zeitfenster, um soviel wie möglich zu erfahren, alles zu dokumentieren. Was sie herausfinden ist traurig, bestürzend und wird religiös verbrämt: Die siebenundzwanzig zusammengefügten Bruchstücke scheinen die Überreste einer planetaren Katastrophe zu sein, die von den wenigen, die überlebten, in dem sie dem Untergang nur knapp mit Raumschiffen entkamen, mit teils altmodischer aber wuchtiger Technik, aber auch mit undurchschaubar grandioser Technik zusammengefügt, stabilisiert und von einem Energieschirm umfasst wurden. Das Team stößt auf gewaltige Tempel und Friedhöfe, auf Überreste einer Zivilisation, die in einer Art spirituell orientierten Anarchie zusammenlebten und schlussendlich allesamt starben, als die Energiequelle des Schutzschildes nicht mehr erneuert wurde. Das Team entdeckt, dass es noch so viel zu erforschen gibt; es gibt Hinweise auf ein Dokumenationsarchiv, in dem nachzulesen wäre, wie die Welt aussah, bevor sie zerstört wurde, wer die Pilger anführte, wie es zum Bau dieser Welt gekommen war … aber die Zeit ist zu knapp. Ganz am Ende findet man drei Leichen auf der in Flugrichtung vordersten Ebene. Eine dieser Leichen hält ein Manuskript in Händen. Auf dem Deckblatt steht: “… sucht Nibis Amida” Als einer der Wissenschaftler in Panik versucht, das Manuskript aus den Händen des Toten zu befreien, zerfällt es zu Staub. Sie müssen aufbrechen. Sie haben tonnenweise Dokumentationsmaterial, Filme und Fotos und doch haben sie nichts. Sie standen am Ufer eines Meeres voller Erkenntnisse, sie standen davor, tiefe Einblicke in eine völlig fremde Kultur und Zivilisation zu bekommen. Die Frage, wer Nibis Amida sei, und die Aufforderung, ihn zu suchen, stürzt alle in ein vollkommenes Chaos, nicht nur die Mitglieder der Mission sondern die ganze Welt.

Denn als sie herausfinden, dass Nibis Amida die erfundene Figur eines Romans ist, der 1998 geschrieben und in einem Kleinverlag veröffentlicht wurde, wird alles nur noch undurchsichtiger … Und damit endet auch die Geschichte.

Böser Peter.

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