Samstag, 14. Mai 2022

Go to Linux

 

Am Montag habe ich einen Artikel im DerStandard gelesen, durch den ich auf windowsähnliche Distributionen aufmerksam wurde. Eine kleine Voraussetzung, um mir einen eventuellen Umstieg schmackhaft zu machen. Die Rede war dort von ZorinOS. In den Kommentaren ging es dann auch um MintOS. Da mein alter Dell Desktop für Win11 nicht geeignet ist und ich sowieso schon länger mit einem Paradigmenwechsel liebäugle, habe ich die aktuelle Freizeit, bevor ich meine neue Arbeit antrete, dafür genutzt, ZorinOS zuerst als Lifesystem auszuprobieren und dann, nach einer kurzen Bedenkzeit von etwa 15 Minuten, aufzubügeln. Ohne mir die Tür offen zu lassen, zu Windows zurückzukehren. Festplatte formatiert, neue Partitionen angelegt und Linux aufgebügelt. Burning the bridges, baby!

Meine ersten Versuche mit Linux sind rund 20 Jahre her, und da gab es diese SUSE Edition auf sechs oder sieben CDs, und da war es angebracht, bei der Installation einige eiskalte Dosen Bier zu trinken. das hilft zwar nichts, aber es ist einem egal, was sich am Bildschirm abspielt. Eine andere Distribution, zu der mir mein damaliger Vorgesetzter beim COMNET riet, war Red Hat. Meine Güte, ich hatte gerade den ECDL und arbeitete beim COMNET als Hilfasarbeiter in der Netzwerktechnik - Ports testen und so. Linux überforderte mich so, dass ich geradezu beleidigt zurückwich.

Einer der Gründe, warum ich jetzt auf Linux umsteige, ist eine generelle Unzufriedenheit, die im Film Der Schuh des Manitou im Satz "Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden!" zusammengefasst wird.

Ihr wisst ja, die Szene am Marterpfahl:
"Leck mich doch am Arsch!"
"Ja wie denn?"

Wenn ich meine Tätigkeiten am PC kritisch überblicke, sehe ich, dass ich etwa sechzig Prozent quasi im Browser lebe, also Firefox. Ich schreibe und erhalte Emails: Evolution. Ich schreibe Romane. Okay, das ist griffiger. Ich könnte Papyrus Autor über Wine zum Laufen bringen, nur sieht das dann potthässlich aus. Ja, ich habe mal einen Haufen Geld dafür bezahlt, vertrete aber die Ansicht, dass der Kauf eines Produkts niemals den Käufer ans Produkt fesseln darf. Also schreibe ich jetzt alle Texte, die ich weitergeben will, mit Libreoffice. Das Programm ist ziemlich monströs für meine Bedürfnisse, läuft aber sehr stabil und schnell, und nach ein wenig customization sieht es auch brauchbar leicht aus.
Daneben habe ich die Pakete für Obsidian und LogSeq gefunden und installiert. Auch das läuft wie geschmiert.

Derek Sivers, ein US-Schriftsteller, der jetzt in Neuseeland lebt, brachte mich (wieder einmal) auf die Idee, überhaupt alle Texte als Plaintext zu speichern, um unabhängig zu sein von proprietären Formaten. Das liese sich sehr schön über Obsidian realisieren, mit dem ich diesen Text original verfasst habe.

Dann habe ich mein Cloudservice installiert, und zwar, wie die meisten Apps, die ich nachinstallieren musste, ganz easycheesy über die Commandline:
> peter@pna1: sudo apt install appname

Und wenn mir etwas nicht mehr gefällt:
> peter@pna1: sudo apt remove appname

Die drei oder vier Apps, die ich brauche, laufen pipifein. Den Großteil erledige ich im Browser, und das Dateimanagement ist watscheneinfach. Bisher (gut, gut, es sind erst viert Tage) habe ich keine Sekunde zurückgeblickt zu Win10.

Die neuen Linux Distributionen, vor allem die, auf Debian basieren, erleichtern den Umstieg ganz erheblich. Es ist schon wahr, dass man bei Linux doch immer mal ein wenig frickeln muss, aber es findet sich leichter als bei Windows für alles eine Lösung. Die Community ist groß, zeilweise rotzfrech, aber immer hilfsbereit, wenn man nicht gerade den arroganten Arsch gibt.

Mir gefällt auch die Welt, zu der ich gerade die Tür aufgestossen habe. Sie ist aufregend, neu und schön und auch ein bißchen ... ja, sexy. Der Paradigmenwechsel, den ich gerade durchnehme, fühlt sich an, wie das Lernen einer neuen Sprache, die irgendwie durch ihren Klang und den Gebrauch der syntaktischen Möglichkeiten stärker als die Sprache, die man kennt, Emotionen evoziert.
Ich lernte vor mehr als 30 jahren spanisch, weil ich mich auf Gran Canaria unsterblich in einen wilden Tänzer in Las Palmas verliebt hatte. Mich jetzt in Linux einzuarbeiten, ruft nostalgische Gefühle wach. Nein, es ist nicht genau so wie sich verlieben. Es ist das Gefühl eines Aufbruchs, ein schönes Wagnis.

Also Linux Mint: Ich komme gerade aus der Kathedrale. Was hast Du vom Basar zu berichten?

Montag, 2. Mai 2022

Sinn und Unsinn des Notierens

 


Der zurückgelegte Weg

Jeder Hersteller von Notizbüchern oder von NoteApps wird Euch auch Userstories und Listen zur Hand geben, warum man notieren soll, und was man alles notieren kann. Im Falle von Papierbüchern ist das sehr oft edel dargestellt, besinnlich und wertig in der Anmutung - man sehe sich nur die schönen Videos des Notizbuchherstellers Paper Republic an. Bei den Herstellern von NoteApps geht es dann doch eher um Produktivität, Erfolg und digitale Aufbruchstimmung.

Geht es bei den Herstellern der Notizbücher aus Leder und Papier noch eher um das Lebensgefühl und den Genuss des Notierens, geht es bei den Herstellern der Apps um Datensammeln. Was man da nicht alls clippen, sammeln und notieren kann. Am besten das gesamte digitale Leben in einem Tool abbilden.

Aus Sicht der Hersteller ist das sinnvoll, denn je mehr man einer App an Informationen anvertraut, desto mehr bindet man sich in der Nutzung an ebendiese eine App. Das ist auch der Grund, warum die Hersteller von NotizApps auch immer wieder dazu drängen, nicht nur selbst Text zu erfassen, sondern alles mögliche hineinzuklippen: Rechnungen, Theaterkarten, Flugtickets, Garantiescheine, Aufgabenlisten - alles möglichst heterogen und vielfältig. Warum? Das macht im Fall des Falles das Wechseln zu einer anderen App sehr schwer.

Das hat auch einen Vorteil: Man wird dazu gezwungen, die eigenen Notizen zu sichten und zu bewerten. Muss das alles mit? Oder kann man das kuratieren, aussieben und filtern?
Ich hab das gemacht, als ich meine Notizen von NotionHQ zu Obsidian verschob. Rund 70% konnte ich getrost vergessen, denn es handelte sich um Datenmüll. Als ich von Obsidian zu LogSeq wechselte, konnte ich die Daten recht einfach mitnehmen, da beide Ecosysteme auf Markdown aufbauen, und auf lokal gespeicherte Textfiles. In LogSeq begann ich ein Journal. Nicht, weil ich das Bedürfnis dazu hatte, sondern weil sich diese Funktion in LogSeq prominent in den Vordergrund stellt.

Mein letzter Schritt zurück zum klassischen Notieren war der Wechsel von LogSeq zurück zu Google Docs.

Erkenntnisse

Tatsächlich gibt es nur sehr wenig, das wirklich Wert ist, notiert zu werden. Und es gibt aus meiner Sicht nur sehr wenige valide Gründe, etwas aufzuschreiben

  1. Man kommt dem echten Notieren am nächsten, wenn man mit der Hand schreibt, mit einem Stift auf Papier.
  2. Schreiben ist (auch) ein haptisches Erlebnis: Es aktiviert Synapsen und verstärkt den Merkeffekt. Man könnte sagen, notieren mit der Hand sei Denken mit der Hand. Man schreibt nicht, um sich später zu erinnern sondern um sich im Moment des Schreibens zu erinnern.
  3. Mit der Hand zu schreiben gewichtet, was man notiert, man mistet schon aus, in dem man erfasst.
  4. Informationen in Apps clippen und notieren ist eher ein Daten- und Informationen sammeln. Der Großteil davon versinkt in den Tiefen und das fällt einem nicht mehr auf, weil der Speicherplatz quasi unbeschränkt ist.
  5. Notieren ist etwas Intimes. Nichts, was man sharen können muss.
Ganz grundsätzlich meine ich, dass man sich vor allem im privaten Bereich darauf besinnen sollte, dass Privacy auch bedeutet, mehr Wert darauf zu legen, eben nicht interagieren, teilen und spreaden zu müssen. Privacy bedeutet, das Buch schließen zu können, wenn jemand den Raum betritt, es bedeutet, die Tür hinter sich schließen zu können, ohne sich deswegen rechtfertigen zu müssen. Privacy bedeutet, Herr darüber zu sein, was man als bedeutsam wertet. Privatheit misst Dingen, Umständen und notierten Gedanken Bedeutung bei.

Mein Setup

Ich handhabe das seit einiger Zeit relativ einfach. Naja, ganz so einfach ist es noch nicht, aber ich arbeite daran.
Privat schreibe ich eher Fließtext: Scetches, Anektoten, Beobachtungen. Beruflich erfasse ich Listen, Outlinings & Todos

Mittwoch, 27. April 2022

Cyborgs in Mexico City

Artwork by Augusto Ribeiroes

Eigentlich wollte ich nur eine Kurzgeschichte schreiben, in der es darum geht, wie sich ein junger Kerl fühlt, der nach einem Attentat quasi tot ist und nur gerettet werden konnte, in dem man seinen Körper vom Kinn abwärts durch eine Maschine ersetzt. Also einen Cyborg aus ihm macht. Die Idee ist zugegeben nicht neu, und auch Cyborgs wurden in unzähligen SF-Geschichten und Romanen thematisiert. Mein Zugang ist mal wieder ein wenig derber als der meiner geschätzten Kollegen. Ich fragte mich, hey, fragte ich mich, der ist neunzehn Jahre alt, Latino, ein Soldat mit vollen Eiern und swingenden Lenden. Und der wacht auf und findet sich in einem Maschinenkörper wieder, der alles hat. Nur keinen Schwanz, keine Eier, keine Prostata, und, das sei auch erwähnt, kein Arschloch. Er stand gerade noch in Saft wie ein blühender Baum und nur, weil sein Körper weg ist, verliert er doch nicht die Lust auf Sex. Auf Erotik und Begierde. Ich fragte mich: Was mach das mit einem?

Also wollte ich nur über einen jungen Soldat schreiben, der bei einem Unfall fast stirbt und einen Roboter-Körper bekommt, mit dem er die Geschmeidigkeit einer Raubkatze hat.
Man müsste mal über das Wort "eigentlich" nachdenken - und ich bin sicher, das hat schon jemand getan ... Von der Eigentlichkeit der Sache und so weiter.

Statt einer Kurzgeschichte wurde ein Kurzroman draus. Die Entscheidung, die Geschichte in Mexico City spielen zu lassen, öffnete mir einen weiten Horizont an Erzählmöglichkeiten und auf einmal ging es nicht nur um Samson A., sondern auch darum, in welcher Welt, in welcher Zeit er lebt und wie die Menschen in dieser Zeit zwischen Hedonismus und Klimawandel aufgerieben werden.

Die Stimmung ist bladerunneraesk, ein Mitternachtsblues mit sexy Cyborgs, Menschen der Nacht, die Roboter dafür bezahlen, verprügelt zu werden, andere, die Torture-Dolls kaufen um sie zu foltern, und in Kauf nehmen, dass Menschen beim Klonvorgang ihr Leben verlieren.
Eine wüste Geschichte über Liebe zwischen Menschen und Menschmaschinen, subtropisch gehalten in einem verregneten Mexiko, November 2125. 

Sonntag, 3. April 2022

Was Zeitungsmacher wollen


Rolf Dobelli, und das ist kein Dummer, rät generell vom Konsum von News ab. Man gewinnt keine Erkenntnisse durch den Konsum von News, man lernt daraus nichts, sie tragen nichts dazu bei, im Leben bessere Entscheidungen zu treffen. Schon Jorge Luis Borges sagte in seinen Gesprächen mit dem argentinischen Schriftsteller Ernesto Sabato, Zeitungen würden geschrieben, um vergessen zu werden. Und was damals für die Zeitungen galt, gilt heute umso mehr für so flüchtige Medien wie Twitter, Facebook, Instagram, TikTok, vk und wie sie alle heißen.

News konsumieren ist das neue Kiffen. Man vertrödelt Zeit, verwirrt sich durch Meinungen und lernt nichts dabei. News konsumieren schränkt die Aufmerksamkeitsspanne und die Konzentrationsfähigkeit ein und die Algorithmen hinter den News schröpfen den User wie Mastgänse mit immer beängstigenden News, weil die nun mal am häufigsten gelesen werden und die meisten Interaktionen bewirken.

Heutige und damalige Zeitungsmacher wollen kein "Aha" aus dem Publikum, sondern ein dauerhaftes und vielstimmiges "Das darf doch alles nicht wahr sein!" Geraune.

Mittwoch, 30. März 2022

Die Notizbücher

Ich verwende seit etwa 12 Jahren Notizbücher. Davor habe ich linierte Collegeblocks benutzt, in erster Linie, um Gedichte zu schreiben.

Mit den Notizbüchern fing ich im Juni 2010 an, als unser erster Flug nach Kuba bevorstand und ich mit Platz und Stil haderte: ich wollte Notizen machen und das Notizbuch stets bei mir haben, quasi in der Hosentasche der Jeans


Die Moleskine-Jahre

Mein erstes Notizbuch war ein unliniertes A6 Büchlein von Moleskine mit Softcover, der Klassiker. Die Marke nutzte ich dann über neun Jahre und füllte etwa zehn Bücher. Zwischendurch kaufte ich die A5-Version liniert, einmal versuchte ich, einen Kalender zu führen, ließ das aber, weil ich zu der Zeit, also rund um 2016-2017 intensiv den Google Kalender nutzte.

Der Gedanke, das Motiv dahinter, meine Gedanken in Notizbücher zu schreiben, hatte schon etwas mit dem Wunsch zu tun, etwas mit Stil zu tun. Dachte ich zumindest. Das Gefühl wurzelte jedoch auf einer wesentlich tieferen Ebene, wo ich dachte, dass es Gedanken und Ideen gibt, die nur mir gehören sollen. Nur für mich zu schreiben, nicht, um mich später an dies oder das zu erinnern, sondern um mich im Moment des Schreibens zu erinnern.

Ich kaufte meine Notizbücher im stationären Handel. Das heißt nicht, dass ich in ein geheimes Papierwarengeschäft in der Innenstadt ging, wo ein alter Mann, wie der in der Buchhandlung in dem Film Die unendliche Geschichte, in der Ecke sitzt und grantig über den Rand seiner Brillen blickt - nein, ich kaufte die Notizbücher bei Thalia und nutzte die Gelegenheit und trank dort dann auch mal Kaffee und gustierte, was es sonst noch an Notizbüchern gibt.


Leuchtturm und Bulletjournal

Etwa ein Jahr lang versuchte ich, mit dem Bulletjournal warmzuwerden, das von Leuchtturm1917 nach dem Entwurf von Ryder Carroll produziert wird. An und für sich gefiel mir das Herumgepussel mit den Vorgaben, stellte aber fest, dass ich nicht vorhatte, mein Leben damit zu organisieren. Für Kritzelei, Sticker aufkleben und Absätze reinschmeißen, war mir das Bulletjournal dann doch zu konzeptionell. Ich bevorzuge Canvas, die leere Leinwand. 

Ich führte das Buch nicht zu Ende und kaufte mir stattdessen zwei sehr schöne Notizbücher von ...


Beechmore

Die Notizbücher von Beechmore sind edel. Ganz einfach. Sie haben dickes Papier, auf dem man gut schreiben kann, sie liegen gut in der Hand und der weiche Ledereinband fühlt sich wertig an. Ich habe zwei davon gekauft, einen für die Arbeit und einen für private Angelegenheiten. Ich hatte mich für die Edition in kastanienbraun, Größe A5 entschieden. Das private Buch habe ich vollgeschrieben, das für die Arbeit ... nun ja, da habe ich noch Platz. Mir würde eine A6-Variante der Beechmorebooks gefallen, die scheint aber derzeit nicht verfügbar zu sein. 

Auf der Suche nach etwas anderem, etwas Neuem, fand ich durch einen Kollegen, der so ziemlich alles, was er tut, mit Stil tut - 


Paper Republic

Paper Republic hat seine Manufaktur in Wien, kauft aber Produktteile aus Frankreich und Belgien hinzu. Bei den Notizbüchern von Paper Republic geht es weniger um Notizbücher, als vielmehr um ein Konzept, wie man die Dinge, die man schriftlich festhalten will, bündeln und zusammenhalten kann. Das Konzept sieht vor, einen Ledereinband zu haben, in den man austauschbare, beziehungsweise immer neue Notizbücher mit Gummiband hineinfixiert. Sowohl die Qualität des Leders wie auch des Papiers sind unschlagbar gut. Der Preis ist nobel; für ein Paper Republic Grand Voyageur XL legt man schon 60€ hin. Das ist nicht ganz ohne. Tröstlich, dass man zumindest den Umschlag nur einmal kaufen muss. Alles andere kann man dann als Subscriber mit 20% Nachlass recht kostengünstig nachkaufen. Vielleicht kaufe ich auch ein zweites Set für Reisenotizen, also die Pocket-Version

Als Schreibwerkzeug nutze ich jetzt einen Caran d'Ache 849 mit blauer Mine. Das Ding kostet wohlfeile 22€ und schreibt schöner als mein Waterman Hémisphere oder der schwarze Parker Tintenroller. Die Moleskine Kugelschreiber würde an und für sich ganz gut schreiben und ich würde sie öfter nutzen, aber sie liegen sehr ungut in der Hand und machen einen alles andere als wertigen Gesamteindruck; so als würden sie beim nächsten mal Mine rausdrücken, auseinanderfallen. 

Übrigens hat Paper Republic nun auch einen echten Shop, wo man gustieren und sich seine Notizbücher zusammenstellen (lassen) kann: https://www.paper-republic.de/pages/unser-shop


Mit der Hand

Mit der Hand zu schreiben - glaube ich - erfordert mehr Hingabe und Fokussierung, als irgendetwas in eine Notizapp zu tippen. Schreibt man mit der Hand auf Papier, widmet man sich der Sache, die man festhalten will, mit mehr Ernsthaftigkeit. Notizapps machen den User zu Informationsmessies. Quantität vor Qualität. Mit der Hand zu schreiben bedeutet auch, genauer darüber nachzudenken, was es wert ist, notiert zu werden und was weggelassen werden kann. Man trifft die Entscheidung intuitiv, während man kritzelt. Das Hirn arbeitet freudiger, kommt mir vor. Und schlussendlich ist es auch Zeit, die man sich für sich selbst nimmt.

Dass jetzt, in der vermeintlichen Endrunde der Coronakrise, die Menschen sich vermehr alternativen Lösungsansätzen zuwenden und oft nach Lösungen jenseits von Internet, PC und Smartphone suchen, zeigt mir, dass das Dauergedröhn der Informationskrieger nicht mehr beeindruckt sondern ermüdet. Dass der Zwang, präsent zu sein, zunehmend als Belastung wahrgenommen wird, und dass die Menschen den Begriffen "privat", "autonom" und "souverän" mehr Bedeutung beimessen. 

Dreht den ganz Social Media Krempel ab, geht raus, nehmt ein Notizbuch mit und schreibt, um Euch im Moment des Schreibens zu erinnern. Nein, nicht Fotos machen. Schreiben. Mit der Hand auf Papier. Nur für Euch selbst - als Privatpersonen.

Freitag, 11. März 2022

Die Alienjäger

 

Ich stelle mir das ja so vor. Da gibt es einen Ex-Militär, einen ausrangierten Investigativjournalisten und einen Ex-Geheimdienstler. Die haben ihre Jobs gekündigt oder wurden entlassen, eventuell konnten sie finanziell vorsorgen aber sie finden keine Arbeit mehr. Scheiße, was tun? Da sitzen sie und scrollen gelangweilt im Internet herum, finden einander in Diskussionsforen und verabreden sich mal auf ein Bier oder zwei, in irgendeinem Truckstop, und ja, da sitzen sie dann und reden und kommen auf die Idee, wie sie ein Geschäftsmodell aufziehen können, und damit nicht nur Geld scheffeln, sondern auch so etwas wie Gurus werden können.

  • Sie suchen sich ein Quartier, das martialisch ausschaut, und stapeln dort technisches Equipment aufeinander. Alte Lager- oder Maschinenhallen bieten sich an.
  • Sie suchen im Internet in diversen Verschwörungsforen nach aufregend klingenden Geschichten über UFO-Sichtungen und picken sich die Knalligsten heraus.
  • Dann inszenieren sie sich als para-staatliche Untersuchungsorganisation mit Sonderbewilligungen und verschaffen sich eine Aura der Respektabilität durch ihre ehemaligen Jobs
  • Am Ort suchen sie Kontakt zu Augenzeugen und anderen, die die Geschichte irgendwie auffetten können, drehen mit Handkameras verwackelte Found-Footage-Videos, gerne auch mit Infrarot oder am Kopf fixiert mit Fokus auf das Gesicht des Forschers - Dramaturgie, check.
  • Sie geben es natürlich nie zu, aber es ist so: Sie finden nie etwas, sie können keine abschließende Erklärung abgeben. Das gehört zum Konzept: Es bleibt immer die Möglichkeit offen, dass eben doch etwas dahinter steckt und die mutigen Forscher von sinistren Kräften daran gehindert wurden, die letzte Tür zur allumfassenden Wahrheit aufzustoßen. Es bleibt immer ein hingehauchtes: «Und doch könnte es sein …»
  • Das gefilmte Material bieten sie, ähnlich wie Schriftsteller ihre Romane, unterschiedlichen Sendern an, und wenn dann mal ein Vertrag eingesackt ist, über sagen wir mal, drei Staffeln, haben die Leute ausgesorgt. Der Sender stellt den Sendeplatz zur Verfügung, finanziert den ganzen Spaß mit Werbung quer, das finanzielle Risiko liegt in erster Linie bei den Videoproduzenten.
  • All diesen Formaten ist gemein, dass sie mehr Fragen stellen als Antworten liefern, und dass sie zu 80% aus Ankündigungsgetöse bestehen. die restlichen 20% der Sendezeit teilen sich Werbung und verwackelte Kamerabilder, die von dramatischer Media-Venture-Musik untermalt wird.
  • Sie berufen sich auf Erich von Däniken, und dass allein ist schon ein hochnotpeinlicher Offenbarungseid.
  • Und sie stellen sich niemals die Frage, niemals ernsthaft, welchen Grund eine außerirdische Zivilisation haben könnte, Lichtjahre in Generationenraumschiffen durchs All zu fliegen (Lichtgeschwindigkeit ist auch zehn Millionen Lichtjahre von der Erde weit weg noch immer ein Naturgesetz und die höchste Wirkungs- und Transportgeschwindigkeit), vielleicht sogar zwanzig oder dreißig Generationen lange zu reisen, um dann hier herumzugeistern, Schabernack zu treiben und Leute zu erschrecken, Kühe umzubringen und biedere Hausfrauen mit sexuellen Experimenten an den Rand des Herzinfarkts zu manövrieren.

Und was soll ich sagen? Es scheint zu funktionieren. Ich meine, echt jetzt! Das wird allen Ernstes diskutiert, was die an Fake-Material zusammenkleben und veröffentlichen. Längst widerlegte Annahmen und urbane Legenden, neu aufbereitet und wichtigmacherisch inszeniert, jedoch so hohl und unergiebig, dass man kotzen könnte. Man fühlt sich so richtig geil verarscht von denen. naja, nicht alle. manche diskutieren, wie ich oben schrieb, mit heiligem Ernst darüber. Und selbstverständlich kommen sie in keiner ihrer Diskussionen zu einem Konsens, zu einer abschließenden Erkenntnis. Das ist ja auch gar nicht der Sinn hinter solchen Debatten. Hier soll nichts abgeschlossen werden, sondern sich weiter ewig im Kreis drehen, ein Karussell aus Vermutungen, Annahmen, Glaubensbekenntnissen und Freude an gänsehautfördernden Verschwörungstheorien.

Evidenzen

Contact - Die Alienjäger, Folge: Unerwartete Nasa Präsenz

Unerwartete NASA Präsenz

Die «Alienjäger» gehen einer Legende von 2007 nach, als Milliarden Liter Wasser aus einem Stausee in den Bergen Chiles verschwanden. Sie gehen Geschichten nach, in denen behauptet wird, UFOs hätten das Wasser abgezogen. Sie stellen diese Geschichten nicht infrage sondern versuchen, sie zu beweisen.

Wissenschaftlich erklärt sich das Thema mit dem verschwundenen Wasser wesentlich weniger aufsehenerregend: Ein Riss im Steinboden des Sees nach einem Erdbeben:

In Chile ist ein See verschwunden Globale Erwärmung lässt chilenischen See verschwinden

In dieser Folge wird dann fast gezwungenermaßen darauf eingegangen, dass der See, aus dem das Wasser verschwand, eine Kaldera, und die ganze Gegend vulkanisch ist. Das bedeutet aber nicht, dass sie die UFO-Geschichte fallen lassen. Denn dann kommen sie mit dem Spin, dass es vielleicht einen Zusammenhang gibt zwischen UFO-Sichtungen und vulkanischer Aktivität. OIDA!

In dieselbe Kerbe schlagen auch die Macher von Ancient Aliens. Da tut sich ganz besonders der Schweizer Schwurbler Giorgio A. Tsoukalos hervor, der dem Grundsatz folgt: Flood the zone with shit. Nur Fragen, Mutmaßungen, Gerüchte, irreführende Beweise, und wieder aufgewärmte Rätsel, die schon lange wissenschaftlich gelöst wurden. Da helfen auch die scheinbar selbstironischen Postings auf seinem Instagram-Profil nichts. Der spielt einfach mit den Erwartungen, Hoffnungen und Träumen von Millionen von Menschen, die sich Informationen wünschen, die nach Dokumentation suchen und nicht nach an den Haaren herbeigezogenen Fake-Geschichten.

Return to Google

 


Tools

Seitdem ich meine Domain nathschlaeger.com habe, war ich damit bei vielen Domainhosts und ich habe sehr viele unterschiedliche Mail- und Cloudservices ausprobiert. In den letzten Monaten, fast ein Jahr, habe ich mich sehr darum bemüht, Solutions zu finden, die mich aus dem Dunstkreis von Facebook und Google heben. Einerseits, weil ich meine Nutzung von Webservices sowieso stark einschränken wollte, andererseits aber auch, um meine Privacy sicherzustellen. Mir schien es angemessen, neben meiner Abnabelung von sozialen Medien auch weiträumig den Big Playern auszuweichen: Google, Microsoft - den Datenkraken halt.
Die Berichte, Dokumentationen kleinerer Alternativanbieter bestärkten mich in meinem Vorhaben, meine Webservices aufzuteilen, einen Teil davon überhaupt offline zu nehmen, und zu versuchen, nicht mehr an Google anzustreifen. Das führte zur Nutzung folgender Services:

Ja und so weiter. Als Browser den Firefox, als Suchmaschine startpage.com.

Ich fühlte mich sicher und aktiv, hatte das Gefühl, einen Beitrag zur Sicherheit und Qualität meines Lebens beizutragen und nicht wie ein Schlafschaf der Menge zu folgen. Im Dezember wurde mir zum ersten Mal schemenhaft klar, dass das, was auf Twitter in Bezug auf Politik geht, auch in Berichten, Studien und Stories überall im Web funktioniert - auch in Bezug auf Security und Privacy.

All die kritischen Berichte über Google und die Hohenlieder auf privacy oriented solutions kommen aus ein und derselben Blase von Interessensgruppen, die sich gegenseitig die Bälle zu werfen. Ihr Geschäftsmodell scheint vordergründig auf dem Fundament der Bezahlung aufzubauen: Du zahlst für die Nutzung und wir liefern. Gut und schön. Sie bauen aber auch darauf auf, dass alles, was zu groß und unübersichtlich wird, das Mißtrauen der Menschen weckt. Es ist leicht, Laien mit Zahlen und Fakten, die zurechtgezimmert wurden, in die Irre zu führen. Gefälligkeitsgutachten werden als seriöse Studien verkauft, das Alleinstellungsmerkmal wird einer gegenseitigen und sehr freundlichen Qualitätskontrolle unterworfen.

Um was gehts denn da? Na darum, dass alle irgendwie Geld verdienen wollen, um sich ein schönes Leben leisten zu können. Gemischt mit Idealismus und Freude an der Sache gehen junge Unternehmer an den Start. Was weiß ich: Evernote.com, notion.so, Wunderlist, es gibt unzählige. Speziell im Bereich der Notizen tat sich einiges. Obsidian und LogSeq setzen auf lokale Speicherung von Textdateien - und das finde ich auch recht fein.

Warum kehre ich zu Google zurück?

Es geht nämlich nicht nur darum, dass man alle Funktionen hat, die man braucht, sondern es geht auch um die Customer Journey und die Usability der angebotenen Dienste. Und da können sie halt alle nicht mit Google mit. Das Materialdesign von Google ist ausgereift. Da helfen auch keine fast kultisch betriebenen Diskussionsforen und Usercommunities, die sich gegenseitig darin bestärken, eh alles richtig zu machen, in dem sie diese oder jene exotische Solution nutzen.

Ja aber Google liest Deine Daten aus. Ja eh. Tun die anderen aber bis zu einem gewissen Grad auch; müssen sie ja auch, um die Services betreiben zu können. Und Google hat nie ein Geheimnis draus gemacht, dass sie Userdaten nutzen, um Werbung besser platzieren zu können. Das war ja nie eine "hidden agenda".
Bei Facebook, bzw META ist das anders. Die sind mit ihrem Algorithmus unverschämter als kokainsüchtige, mexikanische Stricher. 

Ich bin 57 Jahre alt und lege auf Cloud Familien- und Urlaubsfotos ab, meine Urkunden und Dokumente. Mir ist es wichtiger, dass meine Daten vom Hackerdepp nebenan sicher sind, und vor mir selbst, wenn ich mal wieder was verpfusche, als das Google Crawler über die Files krabbeln lässt und Metadaten ausliest um mir seine Dienstleistungen anbieten zu können.

Ich habe nicht vor, eine Revolution anzuzetteln, außer in einem meiner Romane vielleicht. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die ein wesentlich höheres Sicherheitsbedürfnis haben, als ich, und dann ist es auch in Ordnung, sich nach wirklich sicheren Services umzusehen. Für Otto Normalverbraucher wie mich, mit vielleicht 5-9 GB an Daten sind die Sicherheitslösungen, die für andere vielleicht interessant sind, zu komplex und unverständlich. ich meine, ich brauche für die Dinge meines Lebens eine Tür, die ich zusperren kann, wann ich will. Ich brauche keinen Tresor.

Was mich unter anderem zu Google zurückgeführt hat, ist die religiös-missionarische Haltung der Leute, die alternative Apps entwickeln, der Leute, die zu den early Adoptern gehören (wollen). Da wird mit soviel Eifer argumentiert, dass es mich abstößt.

Ich will einfach nur ein Set an Services , die funktionieren und meine Daten vor Fremdzugriffen schützen: Durch Verschlüsselung, 2fa, Geschäftsmodell und Securitystrategien.

Mindset

Was mich im Lauf des letzten Jahres so gestört hat, wenn ich Berichte und Dokumentationen über Privacy & Security las, war, dass in den Beiträgen so getan wird, als wäre all das eine Frage der Auswahl der richtigen Tools: Wenn Du dies verwendest statt das, und diese App statt jener, dann hast Du schon viel für Deine Privatsphäre getan.
Sorry, das klingt gut und scheint der Debatte Struktur zu geben, ist aber hanebüchener Schwachsinn. Es ist eine Honigfalle, sie wird gefällig präsentiert und es wird der Eindruck vermittelt, man sei nun Insider und Profi - nur, weil man die "richtigen" Tools verwendet. Das richtige Mindset würde sich aus der Auswahl der richtigen Tools quasi zwangsläufig ergeben.
Das ist in sich verdreht und vollkommen falsch: Die Wahrnehmung, das Bedürfnis nach Privatheit und Sicherheit zu haben, sind zuerst da und wenn sie reifen, wird daraus ein Mindset. Zuallererst ist es eine Frage des Umgangs mit persönlichen Informationen: Wem erzähle ich was und wie viel über mich, über meine Familie, meine Freunde? Wozu erzähle ich es, was gewinne ich dadurch, Informationen über mich preiszugeben?
Das bedeutet letztendlich: Nicht, welche Securityfeatures man bei Facebook nutzen muss, um seine Privatheit zu schützen, ist wichtig. Sondern: Was bietet mir dieser oder jener Service, dass ich den Einblick in mein Privatleben in Kauf nehme?

Ein gutes Beispiel ist der Greißler ums Eck, den man schätzt, weil man ihn kennt. Und er einen auch. Er weiß, wann man auf Urlaub ist und er weiß, wenn man krank ist, denn dann schickt er den Lehrling, die Einkäufe ausliefern. Er weiß, wo man wohnt und er weiß, was man arbeitet, ob man hetero oder bi oder schwul ist, weil er auch den oder die Partner(in) kennt. Er weiß, wenn man verkatert war und wann man übel gelaunt ist. All das nimmt man nicht nur in Kauf, man sieht es als Teil des persönlichen Services, das der Greißler leistet.
Das alles sind Fragen des alltäglichen Lebens. An diesen Fragen ist nichts abgehobenes. Es gehört zur Sozialisierung, persönliches mit anderen zu teilen. Erheblich ist nur, dass es immer die Hoheit jedes Einzelnen bleibt zu entscheiden, mit wem er welche Informationen zu welchen Bedienungen teilen mag.


Go to Linux

  Am Montag habe ich einen Artikel im DerStandard gelesen, durch den ich auf windowsähnliche Distributionen aufmerksam wurde. Eine kleine V...