Peter Nathschläger

Schriftsteller und Herumtreiber, Hobbyfotograf und Wiener aus Leidenschaft. Rauche Zigarren, trinke kubanischen Rum und schreibe Notizbücher voll. Eines nach dem anderen. Irgendwo in der Mitte des Lebens angekommen

Außerhalb der Blase - über den Wolken

Aus dem Chaos in die Stille

Wenn man mit dem Rauchen aufhören will, legt man sich auch nicht eine Schachtel Zigaretten, einen Aschenbecher und ein Feuerzeug auf den Tisch. Warum sollte man sich also Fallen aufstellen, wenn man versucht, sich aus den Blasen der Social-Media-Welt zu befreien? Und es ist ein gewollter Akt der Befreiung, wenn man verstanden hat, wie verrückt und zerstörerisch sie alle sind. Die Meinungsblasen im Internet sind längst Giftblasen geworden.

  • Facebook nutzt einen Algorithmus, der in die Timeline spült, was aufregt, nervös und unglücklich macht
  • Tageszeitungen wie www.heute.at verwenden einen ähnlichen Algorithmus und Kniffe, um den Leser ununterbrochen im Mindset zu fixieren: Das darf doch alles nicht wahr sein!
  • Twitter bietet vielen interessanten Leuten, Gruppen und Firmen eine Plattform, aber eben auch den Gift- und Dreckschleudern, den Propheten und Missionaren und es ist leider zu leicht, von den harmlosen Pfaden abzukommen und sich in einem Meinungsdickicht zu verherrdern
  • Sie alle zusammen, die behaupten, sie würden Dir Nachrichten, soziale Interaktion und Erkenntnisse vermitteln, wollen nur eins: Deine Aufmerksamkeit. Sie treiben Dich ins Doom Scrolling und quetschen Dich aus wie eine Zitrone.

Es ist also höchste Zeit, die Türen zuzumachen, privates wieder privat zu machen und das Mindset zu propagieren: Zieht Euch zurück! Lasst den Scheiß. Ihr seid nur noch Ware und ein unpersönlicher Algorithmus mästet sich wie eine Drecksau an Euren Hoffnungen und Träumen, an Euren Geheimnissen, Ängsten und Verwirrungen. Es ist ein Schritt aus dem Chaos in die Stille, in der man sich wieder hören kann - um sich selbst denken zu hören.


Ein Argument, dass Leute immer vorbringen, wenn sie sich nicht davon überzeugen lassen wollen, die Blase zu durchstossen: Da schneide ich mich doch von Nachrichten ab. ich verliere den Kontakt zu den aktuellsten News aus aller Welt. man mus doch am Laufenden bleiben und darf sich nicht abnabeln!

Ja Scheiße. Und wie haben das die Menschen arrangiert, als es noch kein Internet gab? ich meine, das ist noch nicht so lange her. Florian Klenk, Chefredakteur vom Wiener Stadtmagazin FALTER, schrieb dazu in seinem neuesten Morgenbrief:

Ich glaube ganz fest daran, dass die Zukunft einer Wochenzeitung auch davon abhängt, ob sie neben digitalen Innovationen auch ihre redaktionelle analoge Kultur pflegt. Eine Zeitung ist keine endlose Timeline, sie ist ein Werk. Eine Redaktion handelt aus, was ihr wirklich wichtig ist. Sie bietet der Leserschaft Orientierung und Auswahl, sie redigiert. Die Ergebnisse werden dann auf Papier oder in Newslettern, Podcasts oder in Videos und Social Media präsentiert.

Viele Redaktionen glauben dieser Tage auf diesen alten analogen Kram verzichten zu können. Wir glauben das nicht. Zuhause zu arbeiten mag kurzfristig die bequemere und billigere Option sein. Aber das ist ein vergiftetes Geschenk. Wenn sich Menschen nicht mehr treffen und persönlich kennenlernen, sterben irgendwann auch ihre sozialen Beziehungen ab.

Das ist auch der Grund, warum ich zurück ins Büro will: Ich brauche die soziale Interaktion von Angesicht zu Angesicht. ich will mit den Leuten reden und nicht durch Technik gefiltert werden. Auf demselben Grund wächst auch der Wunsch, keine Onlinezeitungen mehr zu lesen sondern die Papierausgaben.

Das Argument der Leute, die nicht aus der Blase wollen, sie würden sich ja vom nachrichtenstrom abschneiden, ist haltlos, denn es geht ihnen nicht mehr um Nachrichten, sondern um Sammlungen, um eine Art Nachrichten-Messietum. Es geht darum, Nachrichten zu haben und nicht darum, Nachrichten zu lesen und zu verarbeiten. Es geht um Masse und nicht um Qualität. Professionelle Algorithmentänzer wie die macher von www.exxpress.at wissen und nutzen es. Sie sind die Götter des Doom-Scrollings, die Propheten des Unheils, die Da Vincis der Apokalypse.

Ihnen aus dem Weg zu gehen, ist nicht feige. Es ist ehrenhaft. Man muss sich nicht in die Scheiße setzen um herauszufinden, ob man dann nach Scheiße stinkt. Man darf das vergiftete Diskursangebot ablehnen. Und das mache ich jetzt auch konsequent.

Tipp: Nutzt einen Websiteblocker. (Ich verwende Leechblock). Man kann zwar nicht ganz verhindern, dass man eben doch irgendwie auf die Sites kommt, aber man kann sich daran erinnern, dass man sie eben nicht besuchen will. Man verschafft sich so die berühmten 3 Sekunden vor dem Griff zur Zigarette. Denn das sind sie alle, die Onlinemedien-Hersteller: Zigarettenproduzenten, die Dir weismachen wollen, wer ihre Zigaretten raucht, würde nie im Leben Lungenkrebs kriegen.
Die Medienmacher meinen halt Hirnkrebs. Man würde nie Hirnkrebs kriegen, wenn man ihre Inhalte konsumiert.

Na klar.


Kuratierte Leseauswahl

Ich verlasse mich ganz gerne auf die Meinung einiger weniger, ich sage mal, handverlesener Leute, wenn es darum geht, Artikel zu lesen, Filme zu sehen und Bücher zu kaufen. Das widerspricht dem Freiheitsanspruch des Internets, dem so viele Mensxchen folgen wollen: Alles muss zu jeder Zeit überall (gratis) zur Verfühung stehen. Ohne Wertung, Kritik, Rezension und störende Meinungen. Da wird gerufen: "Ich will mir meine eigene Meinung bilden!" Gemeint ist: "Kritisiert ja nicht meine Wahl! Wagt es ja nicht!" Das, was die Leute tun, ist die Cinemascopeversion von Readers Digest. Fragmentierte, verkürzte, verfälschte Infohäppchen, orgastisches Halbwissen.

Eine Handvoll Freunde und zwei oder drei Journalisten kuratieren für mich das, was ich lesen, sehen und hören mag. Natürlich geht mir dann im Leben viel verloren und ich weiß, mein ganzes Leben würde nie reichen, um auch nur ein Tausendstel von dem zu lesen, zu sehen oder zu hören, was es gibt.
Ich meine: Wie viel Zeit haben wir denn im Leben, um gute Bücher zu lesen? Schöne Filme zu sehen und wunderbare Gemälde zu betrachten?

William S. Burroughs Fluss Duad, der Fluss aus Scheiße, ist schon lange über die Ufer getreten und wir müssen Brücken bauen zwischen den Inseln, die noch nicht überschwemmt sind. Silos aufbrechen, aber auch lernen, dass der wirre Wunsch so vieler unveröffentlichter Jungautoren, es möge dich bitte keine Lektoren mehr geben, keine Doorkeeper mehr, dass diese Wünsche aus Kunst und Kultur, aus Journalismus und Kreativität eine nach Kotze stinkende graue Einheitsplörre machen.

William Burroughs: Western Lands.

Hier kann man die Hilfe von Freunden gut brauchen. Und man sollte sich nicht dafür schämen, dass man Hilfe annimmt und Meinungen annimmt. Fundierte Meinungen mit sehr gut entwickelten Begründungen.

Das Private

Wenn Du Gäste zu Dir nach Hause einlädst, und Essen anbietest, und nach dem Essen seht Ihr Euch gemeinsam Urlaubsvideos an, dann ist das eine private Entscheidung. Wenn Du einem Freund anbietest, bei Dir zu übernachten, und ihm einen Schlüssel gibst, ist das eine Privatangelegenheit.

Das Zauberwort ist und und bleibt privat.

Wikipedia fasst das so zusammen:

Privat (von lat. privatus, PPP von privare, „abgesondert, beraubt, getrennt“, privatum, „das Eigene“ und privus, „für sich bestehend“) bezeichnet Gegenstände, Bereiche und Angelegenheiten, die in sich geschlossen sind, also nicht offenstehen.

Im Kontext zu Personen gehört Privates nicht der Allgemeinheit, sondern nur einer einzelnen Person oder einer eingegrenzten Gruppe von Personen, die untereinander in einem intimen bzw. einem Vertrauensverhältnis stehen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird privat meist als Gegensatz von „öffentlich“ gebraucht. Privat steht dabei stellvertretend für den Begriff „persönlich“ oder wird im Sinne von „im vertrauten Kreise“ verwendet. Dieser Wortstamm wird auch häufig in Kombination mit anderen Begriffen verwendet, um deutlich zu machen, dass es sich nicht um eine öffentliche Angelegenheit handelt. Siehe dazu insbesondere auch Privatsphäre.

Der Motor der Zerstörungsmaschine des Privaten ist die Sehnsucht des Menschen nach Anerkennung. Für Leistung, Besitz, für die Familie, für die Lebensweise. Die sozialen Medien machten aus diesem Bedürfnis eine Travestie, in dem sie Anerkennung von einer möglichen, vorangegangenen Leistung entkoppelten. Du zeigst im Internet Babyfotos, mit schicken Filtern bearbeitete Stills von der Urlaubsreise oder unzählige Bilder von Dir selbst, und wirst dafür geliked. Du musst nichts Besonderes sein oder leisten, um geliked zu werden. Du musst nur das Private aufgeben und Dein Leben in den Schaukasten stellen, um gemocht zu werden. das ist verführerisch, denn überall lauert die Belohnung und die Belohnung ist an keine besondere Qualität mehr gebunden. Sei Du selbst, ganz natürlich wie Du bist (ein paar Filter hie und da betonen doch nur die Natürlichkeit, oder?), und schon wirst Du gemocht.

Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie es wäre, wenn Du vormittags zum Hofer einkaufen gehst, und die Leute, die dort gerade Einkaufswagen an sich nehmen oder zurückgeben, die gerade aus ihren Autos steigen oder die Einkäufe verladen, unterbrechen, was sie gerade tun, sehen Dich voller Hochachtung an und klatschen und zeigen Daumen hoch und Du hast keine Ahnung, warum ...

Das verallgemeinerte Gemochtwerden zerstört auch das Fundament tiefer, innerer Zufriedenheit mit sich selbst. Du musst Dich nicht mehr vor Dir selbst rechtfertigen, Dich für erbrachte Leistungen loben und mit Dir selbst ringen, um vor Deinen eigenen Augen Anerkennung zu finden. Du musst nur Facebook aufmachen, ein Foto von Dir posten mit einem halbklugen Satz vom Wandkalender, und Du wirst geliked, geherzt und von allen geliebt. Weil Du einer von ihnen bist, zur Schar gehörst und den neuen Status Quo bestätigst, in dem Du mitmachst.

Dass das alles hohl ist, nicht trve, spürst Du wie ein fernes Säuseln. Du kennst den Unterschied zwischen einer Plastikbrille von wish und einer Ray Ban, Du kennst den Unterschied zwischen 12€ Schuhen und Bugatti. Dein Verstand kennt den Unterschied zwischen echter Resonanz und sozialen Medien. Und trotzdem wählst Du Plastik, Ramsch und Tineff. Weil Dir der Wert der Sache gar nicht mehr so wichtig ist wie die Quantität. Um den Preis einer Ray Ban bekommst Du 70 Plastkbrilln bei Wish und damit 70 x das Gefühl der Belohnung. Du spürst, dass das Leben hohl geworden ist und an geschmack verloren hat. An Echtheit und Resonanz. Da hilft nur eins: Die Ablenkung lauter drehen. Noch mehr Bilder, noch mehr vollmundige Postings, noch mehr Videos. Likes sind die Zigaretten von heute und die Social Media Manager sind die Drogendealer unserer Zeit. Und in der Welt, die sie Dir zur Verfügung stellen, hat das Private keinen Platz. Es ist egoistisch, kontraproduktiv und schädlich.

Das Private ist kein Verschlüsselungskonzept oder eine Sicherheitseinstellung, es ist mehr als nur ein Konzept. Es ist eine Lebenseinstellung.
Natürlich kann man Verschlüsselungstechnologien verwenden und Mailserviceprovider, die großen Wert auf Datensicherheit und Privacy legen - die Frage, die man sich zuerst stellt, sollte aber immer sein: Brauche ich das wirklich Oder will ich es nur, weil es chic ist? Weil es sich so schön anbietet und professionell rüberkommt?

Privatheit bedeutet in diesem Zusammenhang auch: Ausräumen und entrümpeln. Weg, was man nicht wirklich braucht, Platz machen, die scheinbare Verpflichtung, Apps zu nutzen, weil sie so fancy sind, so produktiv zu machen scheinen - weg damit. Privatheit bedeutet auch, sich auf das Besinnen, was einem wirklich wichtig und wertvoll scheint und darin etwas entdecken, das man durch Privacy schützen will.

Nachmittags in Zandvoort

Weil ich mich gerade daran erinnere: Als ich bei UPC (Liberty Global) arbeitete (Mai 2002 - April 2014), reiste ich oft aus beruflichen Gründen nach Amsterdam. Damals saß das Geld beim Unternehmen locker - wie auch immer - es gab Jahre, da flog ich im Monat 3-4 Mal nach Amsterdam und stieg da, wenn ich zwei Tage blieb, entweder im Radisson Hotel im Businesspark Schiphol ab, im Radisson im Zentrum oder im Hotel Amsterdam American am Leidseplein.

Am ökonomischsten war für mich das Hotel in der Nähe des Flughafens, weil ich von dort aus zu Fuß zum Büro gehen konnte - was gar nicht so übel war, wenn ich in der Nacht zuvor in einer der schwulen Bars in Amsterdam versumpert war und der kleine Spaziergang belebend wirkte.

Am besten gefiel es mir im Hotel Amsterdam American. Ein pittoresker, alter und verspielter Bau mit Würde, einer riesigen Bar und ziemlich guten Mojitos.

Außer mich in den unzähligen Bars in Amsterdam gehen zu lassen, Notizbücher vollzuschreiben oder angeregt mit Leuten zu diskutieren, schätzte ich es, auf Wanderschaft zu gehen, und eine meine schöneren Touren damals war, als ich im Spätsommer (also eh ungefähr Anfang September) an einem Freitg gegen 14:00 Dienstschluss machte, mich in de Zug setzte und vom Flughafen Schiphol zuerst nach Haarlem fuhr, dort umstieg und weiter nach Zandvoort. Dort ist nicht nur eine bemerkenswerte Autorennstrecke, für die ich mich leidenschaftlich überhaupt nicht interessiere, und ein ewig langer Strand, an dem zu jeder Jahreszeit (ich war da auch im Winter stundenlang spazieren) Surfer in Neoprenanzügen die Wellen ritten und wohl noch immer reiten. Strände im Winter haben eine ganz eigene, silbrige Stimmung.

Zandvoort besuchte ich zum ersten Mal im Winter 2010, es war kalt, windstill und nebelig und das Licht war sehr eigen. An mir liefen immer wieder Halbwüchsige in ihren Wetsuits vorbei, krähten sich gegenseitig etwas zu und verschwanden in Dunst, der vom Meer heraufstieg.
Dann, im September 2012 nutzte ich den längeren Aufenthalt in Amsterdam und machte diesen schönen Ausflug zum Strand. Es war zu kühl um schwimmen zu gehen, als setzte ich mich in eine der Surfer-Bars namens Club Nautique, aß, um nicht vom Bier ins Meer geblasen zu werden, Dutch Fries mit gefährlich viel Cetchup und Mayonnaise, sah den Surfern zu, die herumliefen und Wellen suchten, genoss den Wind und den Geruch von Sand und Salz. Ich muss direkt mal in den Keller gehen und in den eingelagerten Notizbüchern nachschauen, ob ich dazu entwas aufgeschrieben hatte.

Leise spielte es akustischen Rock, der Kellner war ebenso freundlich wie gut aussehend und ich dachte wieder einmal daran, wie es wäre, wenn ich ganz wo anders leben würde als da, woher ich bin.
Ein Träumer war ich schon immer. Aber auch ein Realist. So sehr ich diesen Nachmittag bis in den frühen Abend genoss, die Fritten, die vier oder fünf Krüge Bier, ich wusste, dass ich da nicht leben wollte, selbst wenn mir jeden Tag hunderte von Surfern in ihren knallengen Neoprenanzügen vor der Nase herumtanzen würden.

Ist nur so ein Griff in die Vergangenheit, etwas, an das ich mich gerne erinnere, weil zumindest in diesen vier oder fünf Stunden die Welt ihre Probleme für sich behalten hatte, das Bier schmeckte, das Licht großartig war und die Wellen ewig rollten und alles so leicht war wie ein Song von Burt Bacharach.

Der Wind und die Berge

Woran mache ich Glück fest, woran erkenne ich es? Es ist nicht an ein gelungenes Leben gebunden, und doch kann man es an der Resonanz im Leben festmachen. Für mich ist Glück ein Peak der Resonanz, ein Höhepunkt des gelungenen Lebens vielleicht. In jedem Fall hat Glück für mich immer den Charakter völliger Privatheit. Der Moment gehört mir und ist nahezu unteilbar. Glück ist kein soziales Erlebnis, kein Fotomoment, keine Videoaufnahme.

Richard und ich waren vor einigen Jahren zu Richards Geburtstag Mitte Oktober in den Tiroler Bergen in der Nähe von Fendels auf Kurzurlaub. Wir waren gut für Bergwanderungen ausgerüstet, verständigten unsere Wirtsleute, wohin wir wollten und wurden von der Wirtin freundlicherweise mit dem Jeep bis zur Fendelsalm hoch gefahren. Von dort wanderten wir steil bergauf, mit dem Ziel, das Otto-Renk-Haus zu erreichen, dort eine Pause einzulegen und dann weiterzuwandern zum großen See. Die Wanderung war für uns erschöpfend, aber das kristallklare und nahezu windstille Wetter erfüllte uns mit Kraft und einer Art Freude, die tief in unserer körperlichen Erschöpfung wurzelte.

Nachdem wir eine starke Steigung überwunden hatten und sich uns das majestätische Panorama der Alpen bot, blieben wir stehen, atmeten durch, sahen uns an und dann die Landschaft. Wir zückten nicht die Smartphones, wir holten nicht den Fotoapparat aus dem Rucksack. Wir standen einfach da im Schweigen der Berge und hörten nur das Gewiesel des Windes, der die Kälte der vereisten Felsen von oben herabwehte.

Und da war es. Dieses Gefühl, als würden sich zwei Töne, die sich gerade noch dissonant aneinander rieben, zu einem gewaltigen, dröhnenden Chor vereinen, als würde alles, das ganze Leben und darüberhinaus die Welt und das Universum zurechtrücken und in der Gewissheit münden, dass man Teil einer Schöpfung ist, seinen Platz hat und in vollkommener Resonanz mit einfach allem steht.

Solche Momente wiederholen sich nicht ab laufenden Band, sie lassen sich auch nicht erzwingen und sie lassen sich auch nicht reproduzieren.
Ja, wir streben alle nach Glück und wenn wir ein wenig Glück haben, finden wir Zufriedenheit.

Ein anderes mal fand ich diesen Frieden, der sich zu Glück ausweitete, als Richard und ich in Polen waren und mit seiner Tante dort ihr Grundstück in einer verwilderten Kleingartensiedlung im Süden der Kleinstadt Walcz besuchten. Wir ernteten Erdbeeren, tranken Wein und als es am frühen Abend im goldenen Licht der tiefstehenden Sonne zum Auto zurückzugehen, war da dieser Moment. RE erhob sich wie ein unsichtbarer Nebel aus der wilden Landschaft, getragen vom fernen Gebell eines Hundes und dem Miauen einer Katze ganz in der Nähe. Das Plätschern eines Baches. Das Licht, das durch das Blätterwerk der Bäume flirrte.

Wieder keine Kamera, kein Smartphone - Gott sei Dank!

Ich habe nie mit jemand darüber gesprochen, weil es mir unmöglich scheint, einen solchen Moment teilen zu können. Egal, wie sehr man die Menschen um sich liebt, den Partner, den man an seiner Seite hat und mit dem man alles teilt. Es gibt Glücksmomente, deren Intensität in der Exklusivität des Erlebnisses begründet scheint - und sei es nur die eine Sekunde, in der man die erschöpften Füße in das eiskalte Wasser eines Bergbaches steckt und die Stille der Berge um sich mehr spürt als hört.

Vielleicht ist es eine der Aufgaben des Lebens, sich selbst auf das Erkennen solcher Momente vorzubereiten? Und nicht nur das: auch, sich selbst die Möglichkeit zu geben, sie auszukosten.


Ich schreibe das alles, weil ich heute eine Sendung gesehen habe, in der über die most instagramable locations berichtet wurde, und wie Leute dort in Scharen hinpilgern, ohne die Gegend zu genießen, sich stundenlang anstellen, um dann ein Foto zu machen. Wie sie mehr Energie, Zeit und Aufwand in die Vorbereitungen des Shootings investieren als in den Genuss, dort zu sein. Weil die Darstellung von Glück und Zufriedenheit wichtiger zu sein scheint als das Erleben von Glück und leben in Zufriedenheit.

Interessant scheint mir diesbezüglich, dass die Orte, an denen ich die große Harmonie zu erahnen beginne, allesamt für Influencer uninteressant sind. Niemand dort außer ein paar Einheimische, ein paar goldene Strahlen der späten Sonne, Abendstille.
Was weiß ich, ein wild verwucherter Garten in der Provinz Matanzas, in der Nähe von Los Arabos. Pferde wiehern, Kinder lachen. Es riecht nach Zigarrenrauch und gegrilltem Huhn. Eine Hand legt sich auf meine, sanft wie eine Brise. Dort ist der letzte Schimmer des Tages. Wir haben die Nacht im Rücken. Und ganz weit weg, dort zwischen den Sternen, greift das Universum in die Tasten und erzeugt diesen gewaltigen Orgelton, der uns wie ein sanftes Säuseln erreicht. Man muss nur still sein und bereit, ihn zu hören, den universalen Sound des Glücks.

Nein, M´am! - ein Rant

Vor geraumer Zeit schrieb Alexandra Samuel einen Artikel, der auf dem Harvard Business Review veröffentlicht wurde. In diesem Artikel, mit dem Namen Dear Colleague, Put the Notebook Down geht es mehr oder weniger um ihre persönliche Vorliebe für digitale Notizbücher, und dass sie das Notieren mit der Hand auf Papier bestenfalls für eine eitle Attitüde hält. Mit einer geradezu unverschämten Gemütshaltung übt sie sich in Geringschätzung und Arroganz:

You’d make better use of your time if you took your notes in digital form, ideally in an access-anywhere digital notebook like Evernote that makes retrieval a snap

Oder das hier:

You could be one of those romantic types who say that the visceral process of putting pen on paper liberates your creativity and engages lateral thinking. If you’re an after-hours poet, then, yes, that paper notebook will come in handy. For this, though, can you please go back and grab your laptop?

Nein Ma´m. Nein. Du wirst niemand vorschreiben, welche Tools und Methoden anzuwenden sind, um Arbeit zu erledigen. Und jeder Mensch, der sich in eine berufliche Situation gebracht hat, in der Menschen wie Du auf Mikromanagement-Ebene über derlei Kleinkram bestimmen können, hat ein ganz anderes Problem.

Allein die Arroganz zu glauben, Produktivität wäre eine Sache digitaler Hilfsmittel und nicht eine Geisteshaltung, lässt tief blicken. Dass Du dann auch noch - wie nennt Ihr das - quasi ein Evernote-Evangelist bist, lässt Dein Geschreibsel wirken wie die Prophezeiung eines Kreditkartenherstellers, der von der Abschaffung des Bargelds schwafelt.

Ich kenne herausragende Prozessexperten und Manager, die noch immer unverdrossen mit der Hand auf Papier schreiben, weil sie dadurch nicht zu Informatuionsmessies werden und wurden, sondern sehr präzise notierten, was wichtig war und ist.

Die Begründungen, die Du anführst, digitale Notizbücher zu verwenden, sind hanebüchen:

  • Du willst mir den Titel eines Buches schicken, das ich lesen soll? Schick mir eine Mail oder sag einfach den Titel. Ich schaffe es, das mit der Hand aufzuschreiben
  • Ich soll die Daten, die ich in ein digitales Notizbuch schreiben soll, weiterverwursten? Sorry, so arbeitet man nicht im Management. Bin keine Schreibkraft.

Maybe you believe that the act of handwriting improves your memory of what was discussed. Of course, a digital notebook means you don’t have to remember anything, because, you’ll have a complete, legible and searchable record of the entire meeting

Und das ist überhaupt die größte Frechheit: Du willst allen Ernstes, dass man digitale Notizbücher verwendet, da man sich dann nichts mehr merken muss, weil man eh alles in Notizbüchern hat: Ist das Dein Ernst? Das Hirn auslagern? Die Fähigkeit, zu denken, sich etwas zu merken, Verbindungen herzustellen? Das alles soll man unterlassen weil man eh

a digital notebook means you don’t have to remember anything, because, you’ll have a complete, legible and searchable record of the entire meeting

hat? Meine Liebe: Vor Ratschlägen wie Deinen und Menschen wie Dir muss man als Arbeitnehmer, als Manager, als Wissensarbeiter, flüchten. So schnell es nur geht. So weit man nur kann. Menschen wie Du sind allein aus ideologischen Gründen oder aus fanatischer Hingabe zu einer App die Totengräber des Deep Working. Durch Menschen wie Dich wird konzentriertes Arbeiten zu einer reinen Textblock-Verschieberei. Du denunzierst geistige Leistung. Und Du bevormundest Kolleginnen und Kollegen, indem Du ihnen vorschreiben willst, sich Deiner Doktrin zu beugen.

Nein, wegen Menschen wie Dir werde ich das Notizbuch nicht nur nicht aus der Hand legen, ich werde es umso intensiver nutzen und bin dankbar, in einem beruflichen Umfeld arbeiten zu dürfen, in dem Menschen wie Du nicht mal zwei Tage überstehen würden.

... versuche mir grad vorzustellen, Du kommst in ein Meeting, in dem es um Details eines neuen IT-Prozesses geht, und Du sagst dann zu einem der anwesenden Board-Manager: "Bitte leg Dein Notizbuch weg und nimm ein Laptop!"

Ich sehe ja nicht gerne zu, wenn Menschen untergehen, aber da würde ich mich zurücklehnen und eine Tüte Popcorn hervorzaubern.

Links

Postscriptum

Ich bin kein militanter Gegner von digitalen Notizbüchern. Tatsächlich finde ich ich sie in bestimmten Situationen ganz nützlich. Privat nutze ich Standardnotes, über das ich auch diesen Blog befülle. Das Spektrum, in dem ich das Tool nutze, ist sehr eng gefasst. Ich habe das schon in anderen Beiträgen beschrieben: Komplexeres kommt auf Papier, Eckdaten von Reisen wie zB Tickets, Zahlungsbestätigungen, Reservierungen udgm kommen ins Notizbuch, damit ich sie auch am Smartphone dabei habe.

Besprechungsnotizen oder Notizen in Trainings schreibe ich immer mit der Hand auf Papier.

Die Notizbücher

Ich verwende seit etwa 12 Jahren Notizbücher. Davor habe ich linierte Collegeblocks benutzt, in erster Linie, um Gedichte zu schreiben.
Mit den Notizbüchern fing ich im Juni 2010 an, als unser erster Flug nach Kuba bevorstand und ich mit Platz und Stil haderte: ich wollte Notizen machen und das Notizbuch stets bei mir haben, quasi in der Hosentasche der Jeans

Die Moleskine-Jahre

Mein erstes Notizbuch war ein unliniertes A6 Büchlein von Moleskine mit Softcover, der Klassiker. Die Marke nutzte ich dann über neun Jahre und füllte etwa zehn Bücher. Zwischendurch kaufte ich die A5-Version liniert, einmal versuchte ich, einen Kalnder zu führen, ließ das aber, weil ich zu der Zeit, also rund um 2016-2017 intensiv den Google Kalender nutzte.

Der Gedanke, das Motiv dahinter, meine Gedanken in Notizbücher zu schreiben, hatte schon etwas mit dem Wunsch zu tun, etwas mit Stil zu tun. Dachte ich zumindest. Das Gefühl wurzelte jedoch auf einer wesentlich tieferen Ebene, wo ich dachte, dass es Gedanken und Ideen gibt, die nur mir gehören sollen. Nur für mich zu schreiben, nicht, um mich später an dies oder das zu erinnern, sondern um mich im Moment des Schreibens zu erinnern.

Ich kaufte gerne meine Notizbücher in stationären Handel. Das heißt nicht, dass ich in ein geheimes Papierwarengeschäft in der Innenstadt ging, wo ein alter Mann, wie der in der Buchhandlung in dem Film Die unendliche Geschichte, in der Ecke sitzt und grantig über den Rand seiner Brillen blickt - nein, ich kaufte die Notizbücher bei Thalia und nutzte die Gelegenheit und trank dort dann auch mal Kaffee und gustierte, was es sonst noch an Notizbüchern gibt.

Leuchtturm und Bulletjournal

Etwa ein Jahr lang versuchte ich, mit dem Bulletjournal warmzuwerden, das von Leuchtturm1917 nach dem Entwurf von Ryder Carroll produziert wird. An und für sich gefiel mir das Herumgepussel mit den Vorgaben, stellte aber fest, dass ich nicht vorhatte, mein Leben damit zu organisieren. Für Kritzelei, Sticker aufkleben und Absätze reinschmeißen, war mir das Bulletjournal dann doch zu konzeptionell. Ich bevorzuge Canvas, die leere Leinwand.
Ich führte das Buch nicht zu Ende und kaufte mir stattdessen zwei sehr schöne Notizbücher von ...

Beechmore

Die Notizbücher von Beechmore sind edel. Ganz einfach. Sie haben dickes Papier, auf dem man gut schreiben kann, sie liegen gut in der Hand und der weiche Ledereinband fühlt sich wertig an. Ich habe zwei davon gekauft, einen für die Arbeit und einen für private Angelegenheiten. Ich hatte mich für die Edition in kastanienbraun, Größe A5 entschieden. Das private Buch habe ich vollgeschrieben, das für die Arbeit ... nun ja, da habe ich noch Platz. Mir würde eine A6-Variante der Beechmorebooks gefallen, die scheint aber derzeit nicht verfügbar zu sein.

Auf der Suche nach etwas anderem, etwas Neuem, fand ich durch einen Kollegen, der so ziemlich alles, was er tut, mit Stil tut -

Paper Republic

Paper Republic hat seine Manufaktur in Wien, kauft aber Produktteile aus Frankreich und Belgien hinzu. Bei den Notizbüchern von Paper Republic geht es weniger um Notizbücher, als vielmehr um ein Konzept, wie man die Dinge, die man schriftlich festhalten will, bündeln und zusammehalten kann. Das Konzept sieht vor, einen Ledereinband zu haben, in den man austauschbare, beziehungsweise immer neue Notizbücher mit Gummiband hineinfixiert. Sowohl die Qualität des Leders wie auch des Papiers sind unschlagbar gut. Der Preis ist nobel; für ein Paper Republic Grand Voyageur XL legt man schon 60€ hin. Das ist nicht ganz ohne. Tröstlich, dass man zumindest den Umschlag nur einmal kaufen muss. Alles andere kann man dann als Subscriber mit 20% Nachlass recht kostengünstig nachkaufen. Vielleicht kaufe ich auch ein zweites Set für Reisenotizen, also die Pocket-Version

Als Schreibwerkzeug nutze ich jetzt einen Caran d'Ache 849 mit blauer Mine. Das Ding kostet wohlfeile 22€ und schreibt schöner als mein Waterman Hémisphere oder der schwarze Parker Tintenroller. Die Moleskine Kugelschreiber würde an und für sich ganz gut schreiben und ich würde sie öfter nutzen, aber sie liegen sehr ungut in der Hand und machen einen alles andere als wertigen Gesamteindruck; so als würden sie beim nächsten mal Mine rausdrücken, auseinanderfallen.

Mit der Hand

Mit der Hand zu schreiben - glaube ich - erfordert mehr Hingabe und Fokussierung, als irgendetwas in eine Notizapp zu tippen. Schreibt man mit der Hand auf Papier, widmet man sich der Sache, die man festhalten will, mit mehr Ernsthaftigkeit. Notizapps machen den User zu Informationsmessies. Quantität vor Qualität. Mit der Hand zu schreiben bedeutet auch, genauer darüber nachzudenken, was es wert ist, notiert zu werden und was weggelassen werden kann. Man trifft die Entscheidung intuitiv, während man kritzelt. Das Hirn arbeitet freudiger, kommt mir vor. Und schlussendlich ist es auch Zeit, die man sich für sich selbst nimmt.

Dass jetzt, in der vermeintlichen Endrunde der Coronakrise, die Menschen sich vermehr alternativen Lösungsansätzen zuwenden und oft nach Lösungen jenseits von Internet, PC und Smartphone suchen, zeigt mir, dass das Dauergedröhn der Informationskrieger nicht mehr beeindruckt sondern ermüdet. Dass der Zwang, präsent zu sein, zunehmend als Belastung wahrgenommen wird, und dass die Menschen den Begriffen "privat", "autonom" und "souverän" mehr Bedeutung beimessen.

Dreht den ganz Social Media Krempel ab, geht raus, nehmt ein Notizbuch mit und schreibt, um Euch im Moment des Schreibens zu erinnern. Nein, nicht Fotos machen. Schreiben. Mit der Hand auf Papier. Nur für Euch selbst - als Privatpersonen.

Contact - Die Alienjäger

Ich stelle mir das ja so vor. Da gibt es einen Ex-Militär und einen ausrangierten Investigativjournalist und einen Ex-Geheimdienstler. Die haben ihre Jobs gekündigt oder wurden entlassen, eventuell konnten sie finanziell vorsorgen aber sie finden keine Arbeit mehr. Scheiße, was tun? Da sitzen sie und scrollen gelangweilt im Internet herum, finden einander in Diskussionsforen und verabreden sich mal auf ein Bier oder zwei, in irgendeinem Truckstop, und ja, da sitzen sie dann und reden und kommen auf die Idee, wie sie ein Geschäftsmodell aufziehen können, und damit nicht nur Geld scheffeln, sondern auch so etwas wie Gurus werden können.

  • Sie suchen sich ein Quartier, das martialisch ausschaut, und stapeln dort technisches Equipment aufeinander. Alte Lager- oder Maschinenhallen bieten sich an.
  • Sie suchen im Internet in diversen Verschwörungsforen nach aufregend klingenden Geschichten über UFO-Sichtungen und picken sich die Vielversprechensten heraus.
  • Dann inszenieren sie sich als para-staatliche Untersuchungsorganisation mit Sonderbewilligungen und verschaffen sich eine Aura der Respektabilität durch ihre ehemaligen Jobs
  • Am Ort suchen sie Kontakt zu Augenzeugen und anderen, die die Geschichte irgendwie auffetten können, drehen mit Handkamers verwackelte Found-Footage-Videos, gerne auch mit Infrarot oder am Kopf fixiert mit Fokus auf das Gesicht des Forschers - Dramaturgie, check.
  • Sie geben es natürlich nie zu, aber es ist so: Sie finden nie etwas, sie können keine abschließende Erklärung abgeben. Das gehört zum Konzept: Es bleibt immer die Möglichkeit offen, dass eben doch etwas dahinter steckt und die mutigen Forscher von sinistren Kräften daran gehindert wurden, die letzte Tür zur allumfassenden Wahrheit aufzustoßen. Es bleibt immer ein hingehauchtes: «Und doch könnte es sein …»
  • Das gefilmte Material bieten sie, ähnlich wie Schriftsteller ihre Romane, unterschiedlichen Sendern an, und wenn dann mal ein Vertrag eingesackt ist, über sagen wir mal, drei Staffeln, haben die Leute ausgesorgt. Der Sender stellt den Sendeplatz zur Verfügung, finanziert den ganzen Spaß mit Werbung quer, das finanzielle Risiko liegt in erster Linie bei den Videoproduzenten.
  • All diesen Formaten ist gemein, dass sie mehr Fragen stellen als Antworten liefern, und dass sie zu 80% aus Ankündigungsgetöse bestehen. die restlichen 20% der Sendezeit teilen sich Werbung und verwackelte Kamerabilder, die von dramatischer Media-Venture-Musik untermalt wird.
  • Sie berufen sich auf Erich von Däniken, und dass allein ist schon ein hochnotpeinlicher Offenbarungseid.
  • Und sie stellen sich niemals die Frage, niemals ernsthaft, welchen Grund eine außerirdische Zivilisation haben könnte, Lichtjahre in Generationenraumschiffen durchs All zu fliegen (Lichtgeschwindigkeit ist auch zehn millionen Lichtjahre von der Erde weit weg noch immer ein Naturgesetz und die höchste Wirkungs- und Transportgeschwindigkeit), vielleicht sogar zwanzig oder dreißig Generationen lange zu reisen, um dann hier herumzugeistern, Schabernack zu treiben und Leute zu erschrecken, Kühe umzubringen und biedere Hausfrauen mit sexuellen Experimenten an den Rand des Herzinfarkts zu manövrieren.

Und was soll ich sagen? Es scheint zu funktionieren. Ich meine, echt jetzt! Das wird allen Ernstes diskutiert, was die an Fake-Material zusammenkleben und veröffentlichen. Längst widerlegte Annahmen und urbane Legenden, neu aufbereitet und wichtigmacherisch inszeniert, jedoch so hohl und unergiebig, dass man kotzen könnte. Man fühlt sich so richtig geil verarscht von denen. naja, nicht alle. manche diskutieren, wie ich oben schrieb, mit heiligem Ernst darüber. Und selbstverständlich kommen sie in keiner ihrer Diskussionen zu einem Konsens, zu einer abschließenden Erkenntnis. Das ist ja auch gar nicht der Sinn hinter solchen Debatten. Hier soll nichts abgeschlossen werden, sondern sich weiter ewig im Kreis drehen, ein Karussell aus Vermutungen, Annahmen, Glaubensbekenntnissen und Freude an gänsehautfördernden Verschwörungstheorien.

Evidenzen

Contact - Die Alienjäger, Folge Unerwartete Nasa Präsenz

Unerwartete NASA Präsenz

Die «Alienjäger» gehen einer Legende von 2007 nach, als Milliarden Liter Wasser aus einem Stausee in den Bergen Chiles verschwanden. Sie gehen Geschichten nach, in denen behauptet wird, UFOs hätten das Wasser abgezogen. Sie stellen diese Geschichten nicht infrage sondern versuchen, sie zu beweisen.

Wissenschaftlich erklärt sich das Thema mit dem verschwundenen Wasser wesentlich weniger aufsehenerregend: Ein Riss im Steinboden des Sees nach einem Erdbeben:

In Chile ist ein See verschwunden
Globale Erwärmung lässt chilenischen See verschwinden

In dieser Folge wird dann fast gezwungenermaßen darauf eingegangen, dass der See, aus dem das Wasser verschwand, eine Kaldera, und die ganze Gegend vulkanisch ist. Das bedeutet aber nicht, dass sie die UFO-Geschichte fallen lassen. Denn dann kommen sie mit dem Spin, dass es vielleicht einen Zusammenhang gibt zwischen UFO-Sichtungen und vulkanischer Aktivität. OIDA!

In dieselbe Kerbe schlagen auch die Macher von Ancient Aliens. Da tut sich ganz besonders der Schweizer Schwurbler Giorgio A. Tsoukalos hervor, der dem Grundsatz folgt: Flood the zone with shit. Nur Fragen, Mutmaßungen, Gerüchte, irreführende Beweise, und wieder aufgewärmte Rätsel, die schon lange wissenschaftlich gelöst wurden. Da helfen auch die scheinbar selbstironischen Postings auf seinem Instagram-Profil nichts. Der spielt einfach mit den Erwartungen, Hoffnungen und Träumen von Millionen von Menschen, die sich Informationen wünschen, die nach Dokumentation suchen und nicht nach an den Haaren herbeigezogenen Fake-Geschichten.

Bargeld abschaffen?

Warum es keine Bargeldabschaffung gibt

In meinem Bekanntenkreis, unter Freunden und in der Familie kommt hin & wieder das Thema hoch, dass das Bargeld abgeschafft würde. Und ich krieg jedesmal Sodbrennen und Stresspustel, weil mich dieser Unsinn wirklich aufregt. Vor allem, weil es nicht einmal Indizien dazu gibt, dass irgendjemand, der wirklich etwas zu sagen haben könnte, derartige Überlegungen anstellt. Strategiepapiere werte ich diesbezüglich wie Powerpointfolien von Accenture: Gar nicht.

Also sammle ich hier mal alle Argumente derjenigen ein, die behaupten, es werde das Bargeld abgeschafft, schau mir ein paar Argumente von denen an, die das auch in den Raum stellen und aus der Finanz kommen, und stelle dann meine Argumente dagegen.

  1. Das Bargeld wird abgeschafft, weil der Staat die Individualität des Bürgers untergraben möchte
  2. Das Bargeld wird abgeschafft, um den Bürger durch alleinige Verwendung der Giralgelder transparent zu machen.
  3. Das Bargeld wird abgeschafft, um Kontrolle über die Giralgelder der Bürger zu bekommen um im Notfall darauf zugreifen zu können - also Enteignung
  4. Das Bargeld wird abgeschafft, weil die Alternativen verführerisch, modisch und einfach sind.
  5. Das Bargeld wird aus Kostengründen abgeschafft: Die Herstellung, Verteilung und Lagerung kostet Geld.
  6. Das Bargeld wird abgeschafft, weil die Eliten es so wollen.

Die Hauptargumente all jener, die die Abschaffung des Bargeldes befürchten und prophezeien, beruhen also auf dem Unwohlsein des kleinen Bürgers gegenüber dem allmächtigen Staat, auf der Befürchtung, in seinen Bürgerrechten eingeschränkt zu werden, auf der Angst, das Wohlverdiente nicht kontrollieren zu können, dass aus etwas Greifbaren etwas Unfassliches wird.
Die Argumente derjenigen, denen man ein bißchen Hintergrundwissen zutrauen sollte, zielen entweder auf Eigennutz ab (Wenn der Manager einer Kreditkartenfirma das Ende des Bargeldes anstimmt, dann ist das für mich wie das Klappern mit der Schere beim Friseur). Sagt es ein Tausendsassa wie der Dr. Tassilo Wallentin, dann verorte ich die Erfüllung eines Leserwillens, er füttert die Leser der Kronenzeitung mit dem, was sie lesen wollen, er dient sich also dem Leserwillen an und zementiert die Befürchtungen seiner Leserschaft durch seinen wohlklingenden Döblinger Nationalismus ein.
Der Satz, die Behauptung, dass das Bargeld abgeschafft wird, steht seltsam nebulös im Raum und jedesmal, wenn ich versucht bin, mich auf diese Luftdebatte einzulassen, drängen sich mir ein paar Fragen auf, die die Propheten der Bargeldabschaffung in den seltensten Fällen auch nur ansatzweise beantworten können und wollen:

  1. Welches Bargeld wird abgeschafft?
  2. Wo wird das Bargeld abgeschafft?
  3. Wird es weltweit abgeschafft?
  4. Wenn es nur in einem Land abgeschafft wird, wie verhindert man, ohne sich in eine Diktatur zu verwandeln, die Nutzung anderer Währungen?
  5. Wenn Bargeld abgeschafft wird, was geschieht mit dem im Umlauf befindlichen Geld?

Faktische Argumente gegen die Bargeldabschaffung

  1. Das als Euro ausgegebene Bargeld ist im Eurosystemraum das einzig gesetzliche Zahlungsmittel, das schuldbefreiend wirkt. Die Ausgabe des Bargeldes wird in den Büchern der EZB auf der SOLL-Seite verbucht, somit stellt die Inhaberschaft eine Forderung gegenüber der EZB dar.
  2. In § 1 Eurogesetz ist festgehalten, dass auf Euro lautende Banknoten und auf Euro und Cent lautende Münzen in Österreich gesetzliche Zahlungsmittel sind. Weiters findet sich in § 61 Nationalbankgesetz (NBG) die Bestimmung, dass die von der Oesterreichischen Nationalbank, der EZB und von den anderen nationalen Zentralbanken der Mitgliedsstaaten des Euroraumes ausgegebenen, auf Euro lautende Banknoten gesetzliche Zahlungsmittel sind.
  3. Das als Euro im Eurosystemraum ausgegebene Bargeld als alleinig gesetzliches Zahlungsmittel ist im Vertrag über die Arbeitsweise der EU im Absatz 128 festgeschrieben. An diesem Vertrag über die Arbeitsweise der EU hängen unzählige andere EU-Vertragswerte. Würde man den Vertrag über die Arbeitsweise der EU ändern, in dem man beispielsweise den Absatz 128 streicht, müssten sämtliche auf diesen Vertrag referenzierenden Verträge neu verhandelt werden.
  4. Das als Euro ausgegebene Bargeld im Eurosystemraum als einzig gesetzliches Zahlungsmittel ist überdies in allen Mitgliedsstaaten des Eurosystemraums im jeweiligen Bundesbankengesetz verankert. Meines Wissens braucht es im jeweiligen Parlament eine Zweidrittelmehrheit, um ein Bundesgesetz zu ändern. Und damit wäre nur das Bundesgesetz eines Landes geändert.
  5. Die Abschaffung des Bargeldes wäre somit die Abschaffung der EU.
  6. Die Abschaffung einer bestimmten Stückelung des Bargeldes ist kein Indiz für die Abschaffung des Bargeldes an und für sich. Die Stückelung des Bargeldes obliegt der EZB (Zumindest im Eurosystemraum)

Die Gründe, die gegen eine Abschaffung des Bargeldes sprechen

  1. Es geht nicht. So lange Bargeld im Umlauf ist, wird Bargeld benutzt. Kommt kein neues Bargeld nach, wird das im Umlauf befindliche Bargeld im Wert steigen. Das kann keine Regierung wollen, dass ein nicht von ihnen kontrolliertes Zahlungsmittel stetig an Wert gewinnt.
  2. Eine schwache oder nicht vorhandene Bargeldwährung führt mehr oder weniger direkt zur Etablierung einer Schattenwährung. Das ließe sich nur unterbinden, in dem das Bargeld weltweit abgeschafft wird. Doch ...
  3. Geld ist, was die Funktion von Geld einnimmt. Wenn die Menschen eines Landes weiterhin auf vereinbarte Werte vertrauen wollen (und Bargeld ist ein vereinbarter Wert), dann werden sie Mittel & Wege finden, weiterhin Bargeld zu nutzen
  4. Wenn es Eliten auf der Welt gibt, die in der Lage sind, Regierungen zu beeinflussen, ja, sogar Bargeld abzuschaffen: Warum gibt es auf der Welt kein einziges Land, in dem das Bargeld bisher erfolgreich abgeschafft wurde? Ach pfeif auf erfolgreich: überhaupt abgeschafft wurde?
  5. Mit der Herstellung, Ausgabe, Lagerung und Verwaltung von Bargeld wird ein sehr großer Umsatz gemacht. Allein die EZB hat durch die Erzeugung, Lagerung und Verteilung von Bargeld Einnahmen von rund 500 Millionen Euro pro Jahr.

Weiterführende Literatur zum Thema

Mit der Hand schreiben

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Und noch immer behaupten so viele, die sich dazu berufen fühlen, das Internet - mit Fokus auf die sozialen Medien - würde uns doch so viel geben: Kontakt mit weit entfernten Freunden, Nachrichten und News, Unterhaltung, Spiel, Spaß und Spannung.
Nichts davon ist wahr. Was uns die sozialen Medien, die "Productivity Apps", die Smartphones geben, ist das Gefühl, beschäftigt zu sein. Und in dem Maß, in dem das Gefühl stärker wird, beschäftigt zu sein, desto weniger produktiv ist man.

Die Zerstörung der Ausdauer

Über einen längeren Zeitraum lässt sich gut beobachten, wie die sozialen Medien unsere Konzentrationsfähigkeit weichkocht und fragmentiert. Statt uns lang und intensiv mit einer Angelegenheit befassen zu können und zu wollen, werden wir von Unterhaltungshäppchen zu Informationsteilen gehetzt, alles nur einen Fingerzeig weit weg. Und das alles, um

1) Unsere Aufmerksamkeit zu bündeln
2) Unsere Zeit in Anspruch zu nehmen
3) Werbung zu zeigen.

Als Benutzer von Productivity Apps und sozialen Medien ist man nicht der Kunde. Man ist das Produkt. Was dabei verloren geht, ist einerseits die Qualität des Privaten. Man verliert den Anspruch an sich selbst, nicht nur ein soziales Wesen zu sein, sondern eben auch eine Privatperson.
Und was noch verloren geht, ist die Fähigkeit zur Konzentration. Vereinfacht gesagt, begünstigen die sozialen Medien und all die "shiny" Apps die Idiotisierung der Gesellschaft. Eine Vermassung der Unaufmerksamkeit.

Was hat das mit Productivity Apps zu tun? Kern der Sache ist, dass sowohl diese Apps als auch die sozialen Medien einen Zugang zu unserer Aufmerksamkeit durch das Smartphone gefunden haben. Und wenn man nicht gerade Katzenbilder ansieht oder sich über üble Nachrichten aufregt, beschäftigt man sich scheinbar mit der Selbstoptimierung - denn das versprechen die Productivity Apps wie

und viele mehr.

Und was hat das alles mit dem Thema der Überschrift zu tun? Mit der Hand schreiben?

Zunächst einmal ein simpler Gedanke: Alles, was mich dazu bewegt, ohne Not und wirklichen Grund das Smartphone in die Hand zu nehmen, ist schlecht. Das Gefühl, unsicher zu sein oder mich zu langweilen, wenn ich es nicht in die Hand nehmen kann, ist schlecht. Auf das Display zu schauen, um sich nicht unbeschäftigt zu fühlen, ist schlecht.

Jaron Lanier hat in seinem Buch: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst mehr als genug Beweise aufgelistet, dass soziale Medien unser Denken, Fühlen und Verhalten nachhaltig beschädigen und deformieren. Ich will mich nur auf einen Punkt konzentrieren, und das ist eben unser langer Atem. So wie das Rauchen unsere Kondition schädigt und uns kurzatmig macht, so beschädigen die sozialen medien unsere geistige Kondition, unser Denkvermögen, unseren langen Atem bei der konzentrierten Arbeit. Das muss nicht per se das Ziel der Erschaffer der sozialen Medien gewesen sein, aber ich bin sicher, sie nehmen es wohlwollend in Kauf. Was kann es besseres geben als Menschen, die keine Ausdauer haben, Themen ernsthaft zu hinterfragen, die sich wohlig beschäftigt fühlen und einfach nur konsumieren?

Ja aber mit der Hand schreiben!

Jeder sollte es tun, finde ich. Tagebücher, Notizen, Gekritzel, Reiseberichte, das Leben und überhaupt alles, was sich in Worte fassen lässt, sollte man mit der Hand auf Papier schreiben. Es hilft, sich auf sich selbst und auf das eigene Leben zu besinnen. Es hilft, die Beobachtungsgabe zu schärfen. Es tut gut, sich von allem abzunabeln und ganz auf sich allein gestellt, mit der Hand auf Papier zu schreiben. Es ist ein sinnliches Erlebnis, es hat auch etwas (huch) Elitäres an sich. Es wurde rar, und was rar ist, ist oft wertvoll. Das, was man auf Papier schreibt und bei sich hat, kann nicht in den Algorithmus fließen, der unser Leben zur Statistik entwertet. Es ist bei uns und es bleibt bei uns, es ist ein Beweis der Souveränität und des gewollten Lernens. Es ist mehr, als sich nur mit sich selbst beschäftigen, es ist das aufrichtige Bemühen, das Leben zu erfassen und alles, was mit dem Leben an und für sich zu tun hat.

Und es wirkt. Es löst die Klammern der sozialen Medien. Ihre Wichtigkeit verblasst, und man erkennt, wie banal, beliebig und austauschbar all das ist, was einem dort geboten wird. Denn es wird einem nichts geboten. Es ist nur Schalmei, Lug & Trug und Täuschung.


Die letzten zwei Jahre in der Corona-Krise haben mir gezeigt, dass die Menschen sehr wohl in der Lage sind, Alternativen zu finden, wenn es notwendig wird. Kids, die statt in teure Clubs lieber in Parks feiern? Top! Leute, die statt telefonieren einander wieder besuchen? Top! Eine Rückbesinnung auf Privatleben, Autonomie und geistige Gesundheit? Check.

Leute, schreibt mit der Hand. Kauft Euch schöne Notizbücher und gute Stifte, gustiert bei der Auswahl Eurer Werkzeuge und ersetzt damit alles, was Ihr bislang als Unersetzbar betrachtet habt.
Nehmt Euch Zeit für Euch selbst, lasst Euch nicht leiten und führen von mathematischen Budenzauber. In einem späteren Beitrag werde ich darüber schreiben, welche Notizbücher ich gerne benutze, welches ich gerade in Verwendung habe, womit ich gerne schreibe und was bei mir alles im Notizbuch landet - und wie.

Bradbury in Irland

Weil es mir gerade einfällt: Ray Bradbury schrieb in seinem Buch Das Zen in der Kunst des Schreibens eine Anektote über die Zeit, als er in Irland wohnte. Er hatte einen Fahrer, einen Einheimischen, der ihn immer mit dem Auto vom Dorf in sein Haus etwas außerhalb brachte. Ein friedlicher Fahrer, an dessen Seite er oft einnickte, weil der Mann so umsichtig und friedlich fuhr.

Eines Tages holte ihn der Fahrer ab und fuhr wie eine gesenkte Sau, raste dahin und fluchte und Bradbury fragte sich, was denn los sei - wagte sich aber nicht, den Mann zu fragen.

Wochen später erfuhr er, dass sein Fahrer lange Zeit schwerer Alkoholiker gewesen sei und immer, wenn er ihn nach Hause fuhr, stockbetrunken gewesen war. An jenem denkwürdigen Abend war der Fahrer zum ersten mal seit unzähligen Jahren nüchtern unterwegs gewesen.

Follower vs Leser

Auf Twitter gibt es in Threads manchmal die höhnische Bemerkung: «Was willst Du denn hier schon groß mitreden, mit Deinen 20 Followern?» Damit soll das Gewicht einer Twitternachricht nach unten reguliert werden, so, als ob der Inhalt eines Tweets etwas damit zu tun hätte, wie viele Follower ein User hat. Bedauerlicherweise gibt es diese hingerotzte Abwehr nicht nur aus der rechten Ecke (wo man meiner Meinung nach oft über solche diskreditierenden Äußerungen stolpert) sondern auch aus der linken. Dabei denke ich mir: Was sagt eine hohe Followerzahl über die Beliebtheit und Glaubwürdigkeit einer Person aus? Manchmal passt es, manchmal passt es nicht, und sehr oft ist die Followerzahl irreführend, weil man Follower kaufen kann. Auf Facebook, Twitter und Instagram.

Das führt mich zu einer weiteren Frage: Sagt die Anzahl von verkauften Büchern etwas darüber aus, wie viele Menschen tatsächlich das Buch gelesen haben? Ein Buch geht durch viele Hände. Die Zahl der Leser eines Romans ist höher als die Zahl der Käufer. Und wenn es je einem Schriftsteller um etwas geht, dann wohl darum, gelesen zu werden.

Auf Twitter sagt die Zahl der Follower nichts über Zustimmung oder Lesefrequenz aus. Man sieht das besonders gut an den Twitterprofilen der Journalisten und Politiker:

Following ist nicht gleich Zustimmung oder positive Anteilnahme

Und so kommt es, dass in einem viel gelesenen und oft kommentierten Tweet auch die Postings von Usern tausendfach gelesen werden, die selbst nur 15 Follower haben.

Ein Buch, das ich in meiner Kindheit geliebt habe, ist: «Wir Kinder von Neulati» von Lothar Sauer. Man kann es noch in Antiquariaten finden. Oder der Roman: «Das Reich im Mond», von Manfred Langrenus, der in Wirklichkeit Prof. Dr. Friedrich Hecht hieß. Fast vergessene Werke, zumindest von den Medien vergessen, von der öffentlichen Wahrnehmung. Und doch bin ich sicher, dass diese beiden Jugendromane wesentlich öfter gelesen als gekauft wurden.

Natürlich ist es schön, viele echte Follower zu haben und viele Buchexemplare zu verkaufen. Manchen, Menschen wie mir, ist das nicht gegeben. Und ich tröste mich dann gerne mit dem Gedanken, wie oft ein Roman von mir aus irgendeinem Buchregal in der Tasche von jemand verschwand, wie oft er gelesen wurde, von jemand, den ich nicht kenne. Von jemand, der das Buch nicht gekauft hat sondern geschenkt bekam oder fand. In einer Truhe auf dem Dachboden. Oder in einer Schachtel im Kellerabteil. Bücher können sterben. Und manchmal leben sie länger, als man denkt. Irgendwie wie Geister. Der Gedanke gefällt mir.


Anmerkung: Eines der unscheinbarsten Bücher der Literaturgeschichte, genauer gesagt, der lateinamerikanischen Literaturgeschichte, ist der dünne Roman Pedro Páramo von Juan Rulfo. Kaum jemand, der sich in der Literaturszene umtut, kennt den Roman, und wäre Rulfo ein Twitteruser, würde man ihn auslachen, weil er nur 20 oder 30 Follower hätte.
Der Grund warum Juan Rulfo doch eine gewisse Bekanntheit hat, ist, weil Gabriel Garcia Marques dessen Roman Pedro Páramo als das Werk hervorhob, das ihn am Nachhaltigsten in seinem Schaffen beeinflusst hatte.

Stimmen zum Roman Pedro Páramo

Pedro Páramo ist einer der besten Romane der spanischsprachigen Literatur, wenn nicht sogar der ganzen Literatur. Jorge Luis Borges

Hab es und lies, damit Du lernst! Álvaro Mutis zum jungen Gabriel García Márquez

Ich konnte nicht einschlafen, bevor ich das Buch zum zweiten Mal gelesen hatte. Gabriel García Márquez
Die Geschichte besitzt die erschreckende Realität des Alptraums. Octavio Paz

Schreiben in Cafés

Man sagt, das Schreiben ist ein einsamer Job. Das wird der Grund sein, warum es so viele Menschen gibt, die schreiben wollen, ohne Geschichten erzählen zu können. Das Schreiben als eine Tätigkeit, um sich zu isolieren, die Tür hinter sich zuzuklappen. Auch eine Möglichkeit, Leckt mich am Arsch zu sagen

Abgesehen davon ist das Leben als Schriftsteller nicht berührt von der Einsamkeit des Schreibens. Stephen King liebt Grillabende mit der Familie, betreibt einen Radiosender und hat eine Baseballmannschaft. Hemingway hockte in der Bar La Terrazzas in Cojimar auf Kuba und soff dort mit den Fischern. Schriftsteller sind Plaudertaschen - oder sie waren das zumindest mal. Ich will nicht mit dem öden "Aber früher war alles besser" kommen, aber irgendwie ... Früher war alles besser.
Zumindest trafen sich Schriftsteller manchmal oder regelmäßig in Cafés und plauderten. Heute lässt sich das berührungsfrei im Webforen wie im Deutschen Schriftstellerforum oder über Twitter erledigen.

Ich sollte nicht jammern, denn ich bin selbst Schuld. Ein befreundeter Schriftsteller, Thomas Mühlfellner, bot mir die Gelegenheit, mich einer Runde von Schriftstellern aus Wien anzuschließen, und ich war auch zwei mal bei Treffen dabei, die ganz freundlich waren. Irgendwie habe ich das trotzdem versemmelt. Mir ging es dort auch zuviel um den administrativen Scheiß wie Verträge, Marketing, Rezensionen, und mich störte der unverhohlene Neid, der in der Betonung eines Wortes in der Frage gipfelte: "Wie kommst Du an eine Rezension im Standard?" Und ich drauf so: Ja nicht nur eine. Vier." Ja, da war das dann durch, das Thema. Die Kollegin redete dann nicht mehr mit mir. Dabei hatte mir Thomas Ihr Werk so ans Herz gelegt. Das mag ja auch wirklich gut sein, und ich bin ja auch nicht kleinlich, aber will ich ein Buch von jemand lesen, der mich derart von oben herab abkanzelt? Nö. Gibt genug sehr gute Bücher von anderen Schriftstellern.

Jedenfalls war es das zwischen mir und Schreiben und Leben in Cafés. Ich hätte sehr gerne öfter mit literaturinteressieren Menschen über das Schreiben an und für sich geplaudert. Oder in Cafés geschrieben. Okay, das hab ich schon. Durchgeschwitzt in einen fettigen, dreckigen Moleskine im Hotel El Presidente in Havanna. War ein tolles Lebensgefühl. In der Hotelhalle ohne Klimaanlage, durch die eine angenehme Brise wehte, weil alle Türen offen waren, saß mir eine elegante Dame an einem anderen Tisch gegenüber, die ebenfall schrieb. Wir sahen uns kurz an: Sie, elegant, damenhaft, kühl, und ich, gerade vom Strand gekommen, unrasiert, dunkelbraun und verschwitzt. Sie hatte auch ein Notizbuch vor sich, in das sie schrieb. Wir nickten uns zu, lächelten und widmeten uns wieder unseren Zeilen & Erinnerungen.

Ein Denkmal für Walter Kroboth

Im Sommer 1981 verliebte ich mich in den schönsten Jungen von Biedermannsdorf. Walter Kroboth war von einer geradezu tragischen, ungarischen Wildheit und Eleganz, ohne sich dessen bewusst zu sein. Vielleicht war er sich dieser Qualitäten doch bewusst, auf einer abstrakten Ebene.

Ich taumelte in diesen Tagen nach dem Tod meines Bruders wie ein angeschlagener Boxer durchs Leben, war im zweiten Lehrjahr in den Dekorationswerkstätten der Bundestheater und die aufwändigen Routinen gaben mir Halt und Orientierung. Jeden Wochentag stand ich um 04:45 auf, wusch mich, putzte mir die Zähne, trank kalten Kakao und fuhr mit dem Postbus um 05:19 von Biedermannsdorf nach Wien, zum Südtirolerplatz. Die Dekorationswerkstätten befanden sich im Arsenal (wo sie auch heute noch sind, glaube ich). Wirkliche Freunde, wie ich sie am Arbeitsplatz fand (Grüße an Roman, Alexander, Karl und Max) taten mir gut und halfen mir, den Umstieg vom Wiener Jungen, der einen Bruder verloren hatte,  zum “Neuen” in der Dorfjugend einer kleinen Gemeinde im Süden Wiens zu vollziehen.

Walter hatte ich schon im Sommer 1980 gesehen, konnte ihn aber nicht zuordnen. Meine Seelenfreunde in Biedermannsdorf wurden die beiden Außenseiter Fritz und Ilmaz. Fritz wohnte bei seiner Mutter in einem alten, heruntergekommenen Kutscherhof auf der Ortsstraße, Ilmaz wohnte mit seiner Familie in einem Anbau des verlassenen Borromäums, das später, ich glaube 1983 oder 1984, zu einer Mädchenschule wurde.

Mein Halt war also durch Freundschaften gegeben, die sich nicht berührten. Da die Jungs, mit denen ich gemeinsam in die Lehre ging, und in Biedermannsdorf, das in der Sommerhitze dunstete und schwieg, Fritz und Ilmaz.

Dann, im Mai oder im Juni, als wir anfingen, jeden Tag, an dem es warm genug war, im Gemeindeteich von Biedermannsdorf zu schwimmen (und heimlich Zigaretten zu rauchen), erschien Walter. Es gab damals so eine Art Lieblingsplatz an diesem wilden Teich, wo sich die Jugendlichen trafen. Ilmaz und Fritz waren locker in die Dorfjugend eingebunden, aber eben nur locker. Walter war anders verankert; er wollte nicht nur der Fußballer sein, der er war, mit all seinem sportlichen und schauspielerischen Können (niemand konnte sich so dramatisch fallen lassen und sich das Schienbein halten wie Walter, wenn er im Spiel gefoult wurde. Da staubte es und er sank mit einem wehen Seufzer zu Boden, und starb vor den zusehenden Mädchen und ich stand neben den Mädchen und war eifersüchtig darauf, wie sehr er sich um deren Interesse bemühte, wo ich es doch war, der ihm aufhelfen und ihn küssen wollte, bis die Sonne unterging), er wollte zu der “gehobenen” Ortsjugend gehören.

Walter kam zum Teich und ich sah ihn zum ersten Mal in der schwarzen, knapp geschnittenen Badehose. Mir gefiel Walter ja schon in seinem Straßenoutfit: Er trug im Sommer ziemlich enge, ausgewaschene Jeans von Wrangler, High Tops von Adidas, weiße Tanktops und Jeansjacken. Walter war schon Anfang Mai brauner als wir anderen und sein abenteuerliches Lächeln zeigte perfekte, weiße Zähne. Er war biegsam und schnell in allem, was er tat und er war … sexy.

Ich war sechzehn und meine intimen Vorstellungen in jenen Tagen gingen nicht über ernste, tiefe und glückliche Blicke hinaus. Und ich wollte Walter küssen, ich wollte, dass er mich küsst und dass er mich ungeschickt umarmt und dass sein schiefes Grinsen nur mir gehört, ich wollte in seinem Geruch sein und ihn in meiner Hitze einfangen; sexuelle Wunschvorstellungen hatte ich noch nicht. Ich wollte einfach, dass wir uns beide in einem Glücksrausch auflösen und neu zusammensetzen, wild lachend vor Glück. Zwei Jungen, die rennen, schwitzen und schwimmen, sich umarmen und irgendwie miteinander zum Orgasmus kommen, ohne dabei den dunklen Wald der Unanständigkeit zu betreten.

Ich war furchtbar idealistisch, was das betraf, und Walter wusste nichts von meiner Schwärmerei für ihn. Vielleicht spürte er es, vielleicht auch nicht. Aus seiner Sicht war ich nicht mehr, als ein anderer Junge aus Biedermannsdorf, ein Neuer, der sich mit zwei Außenseitern herumtrieb, während er darum bemüht war, Zugang zu den besseren Kids zu finden, vor allem, weil dort die Mädchen waren, die ihm gefielen. Walter war durch und durch hetero. Ich denke, er war so hetero, der wäre sogar vor Wut an die Decke gegangen, wenn ihm ein Bursche nach dem Fußballspiel in der Umkleide ein feuchtes Badetuch auf den Arsch geklatscht hätte. Er war nicht nur an Mädchen interessiert, und zwar sehr, es war ihm auch wichtig, dass alle das sahen und wussten.

Walter liebte hymnische Musik; der Musikgeschmack der Biedermannsdorfer Jugend Anfang der Achtziger wurde intensiv von den Gebrüdern Lugerbauer geprägt. Vor allem vom ältesten der Brüder, von Alfred: Yes, Mike Oldfield, Tangerine Dream, Rick Wakeman, Vangelis …

Walter mochte Hymn von Rick Wakeman aus dem Album 1984 und tanzte dazu wie ein wildgewordener Indianer

Und Hymn von Ultravox

Ein trauriges Lied, das uns beiden gut gefiel, war Be my friend von No bros. Der einzige Hit, den diese Gruppe aus Wien je hatte:

Und wenn wr trunken mit den anderen aus dem Ort nachts am Seeufer saßen, sangen wir Take the long way home von Supetramp

Dann kam der August, die Tage heißer und so schwer wie Steine. Die Dekorationswerkstätten, in denen ich in die Lehre ging, hatten über die Sommermonate Juli und August geschlossen, ich lebte im ewigen Sommerurlaub, ging jeden Tag schwimmen, fuhr mit dem Fahrrad gemeinsam mit Ilmaz und Fritz zur Shopping City Süd, wo wir uns treiben ließen und, wenn wir genug Geld mit hatten, Cola kauften und uns wie die Herren der Welt fühlten.

An einem Samstag trafen Walter und ich uns eher zufällig in der Jubiläumshalle von Biedermannsdorf, setzten uns an einen Tisch und tranken Bier. Meine Sehnsucht dampfte mir aus allen Poren. Wir tranken noch mehr Bier und ich zerfloss vor Begierde, ihm zwischen die Beine zu greifen, eine intime und verbindliche Nähe herzustellen, die für alle Zeit Gültigkeit hatte. Natürlich griff ich ihn nicht an, aber er fragte, mich, warum ich ihn so ansehe, und er fragte das so freundlich und kumpelhaft, dass ich den Mut fand und sagte, ganz leise, ein Hauch mehr als ein Flüstern: “Ich würde dich einfach gerne küssen, Walter! Ich würde gern mit dir schlafen.” Etwas Originelleres fiel mir nicht ein. Ich war sechzehn, leicht betrunken und voll nervös, okay?

Er sah mich irritiert an, keineswegs feindselig, legte den Kopf schief und sagte in etwa: “Pfau Oida, über des muass i erst nochdenken!”

Er sagte nicht: Geh scheißen, du warme Sau. Er sagte nicht: Bist deppert, Schwuler! Er sah mich nur durchs Bier milde gestimmt mit seinen schweren ungarischen Augen an und meinte, darüber müsse er erst nachdenken. Jedenfalls war damit das Thema vom Tisch, wir tranken noch ein Bier und als wir in der sternenklaren Dunkelheit über die Ortstraße gingen, sangen wir laut, falsch und mit Begeisterung “Shadow on the wall” von Mike Oldfield.

Die ganze nächste Woche ging ich wie auf Wolken, war ganz und gar glücklich. Mein Schwarm wusste von meinen Gefühlen. Er hatte sich nicht abgewandt und gewürgt, so als ob er kotzen müsste, und er lief nicht im Ort herum und schrie: Der Piero (das war mein Spitzname) ist eine Homo, der mir an den Schwanz will. Er behielt es für sich, und am Freitag bat er mich, ihn in der Halle zu treffen. Am selben Tisch wie vorige Woche. Ich duschte und benutzte teures Duschgel und rasierte meinen Bartflaum und verwendete etwa von Papas Irish Moos Aftershave, ich gurgelte und spülte den Mund mit Odol, gab Gel in meine halblangen Haare und zupfte daran herum, bis ich meiner Meinung nach wie ein verwegener, wilder Junge aussah. Dann stolzierte ich in meiner engsten Jeans in die Jubiläumshalle und da war Walter. Tanktop, enge, ausgewaschene Jeans, seine pechschwarzen, wuscheligen Haare fielen ihm über die Augenbrauen. Er war auf eine Art und Weise niedlich wie ich es später nur noch bei einer anderen Person gesehen hatte, bei Thomas Haustein als Detlev im Film Wir Kinder vom Bahnhof Zoo:

Jedenfalls war Walter voll nervös und alles, seine langen Wimpern zitterten, seine Lider flatterten und wir tranken Bier und rauchten und redeten über den Sommer und die Party, die für das übernachste Wochenende, das letzte im August, auf der Lichtung bei den Bächen geplant war.

Und dann, so nach drei Bier und einer Handvoll Zigaretten, sagte er leise zu mir: “Du, wegen dem, was wir vorige Woche geredet haben,, was du mich gefragt hast, ja? Ich kann das nicht, ich kann das wegen meiner Erziehung nicht. Reden wir nicht mehr drüber, okay?”

Er sagte nicht, dass er das nicht will, oder dass er eben kein Schwuler ist, oder wenn er einer wäre, dass ich einfach nicht schön genug für ihn sei. Er sagte, er könne es nicht wegen seiner Erziehung, so, als hätte er über eine Antwort nachgedacht, mit der er mein Ansinnen ausschlagen konnte, ohne das Gesicht zu verlieren und ohne mich zu verletzen. Mir war in dem Moment zum Heulen zumute und alles was ich sagen wollte, zerfiel mir im Mund zu Asche. Ich glaube, er legte sogar ganz kurz seine Hand auf meinen Unterarm. Dann tranken wir weiter und Walter redete über etwas anderes, aber ich war taub, so als ob neben mir eine Granate explodiert wäre.

An diesem Abend gingen wir wieder gemeinsam über die Ortsstraße, wir sangen nicht und ich verbrannte neben Walter, der nach grünen Äpfeln roch, nach den Zigaretten, die er geraucht hatte und nach Bier. Ich brannte lichterloh, ging heim, legte mich ins Bett, holte mir einen runter und als es mir kam, weinte ich.

Die ganze Woche wich ich ihm aus und trieb mich mir Fritz und Ilmaz herum, denen meine mürrische Art auch irgendwie den Tag versaute. Dann kam dieser Freitag, es wurde Abend und ich ging nach einigem Überlegen auf diese Party auf der Lichtung, wo der Ort endete, die Wildnis begann und zwei Bäche zusammenflossen. Irgendjemand hatte eine Gitarre dabei und jemand anderes hatte Tablas und Bongos und als es dunkel wurde, sang jemand “The house of rising sun” und “morning has broken” und Fredl spielte Cavatina.

Cavatina - John Williams - YouTube

Walter tanzte trunken mit einer Flasche Bier in der Hand, der Mond schien und alles schien okay zu sein. Ich meine, angesichts der Tatsache dass ich eine Abfuhr bekommen hatte und meine Teenagerschwärmerei in sich zusammengebrochen war wie ein Sack voller Knochen.

Walter war in Susanne K. verliebt. Ja, die war auch dort. Ein wunderschönes Mädchen mit goldenen Haaren und einer Hauttönung, wie ich sie noch nie gesehen hatte, irgendwie olivgold oder so. Er wollte sie und er wollte sie mit all der Ungeschicklichkeit eines fünfzehnjährigen Burschen, der angesäuselt war.

Werner Stadlmann war da und Hans Adam, die beide betrunken herumsteifbeinten, und Alfred Lugerbauer, der die Gitarre spielte wie ein Gott, Mädchen waren da, für die ich mich nicht besonders interessierte, Walter wollte Susanne küssen und irgendwie (das erfuhr ich erst später), spuckte er ihr in den Mund und sie stieß ihn weg und er war fuchsteufelswild, kam zu mir, sah mich mit Wuttränen in den Augen an und schrie: “Kann einen denn niemand vor diesen Drecksschwuchteln schützen?” und donnerte mir die Faust ins Gesicht. Ich sackte zusammen wie vom Blitz getroffen und wollte sterben und im Boden versinken. Mir war übel, ich war taub, blind und verwirrt und Walter storchstakte davon und wälzte seine Schuldgefühle Susanne gegenüber auf mich ab, krächzte bittere Flüche und kämpfte mit sich un den Tränen. Ich war niemand, der je im Mittelpunkt stehen wollte, und jetzt sammelte ich den Rest meiner Würde auf, kämpfte mich auf die Beine zurück und zwei Jungs halfen mir, rein aus Solidarität mit dem Besiegten, und ich stand auf einmal ganz allein zwischen all den anderen und brannte wie auf dem Scheiterhaufen. Niemand fand ein tröstendes Wort, ein paar Mädchen kümmerten sich um Walter und ich ging allein und verdroschen durch das Wäldchen und die dunklen Gassen von Biedermannsdorf nach Hause.

Ich trug nicht einmal ein blaues Auge davon. Ich nehme an, das Walter mich nicht wirklich in Grund und Boden prügeln wollte, sondern dass er seine persönliche Enttäuschung in Bezug auf Susi an mir entladen wollte und gleichzeitig eine moralische Rechtfertigung brauchte, um zuschlagen zu können. Damals sah ich das wesentlich enger und fokussierter: Walter hatte mich öffentlich gedemütigt und geschlagen, weil er mich hasste, weil ich schwul war und ihn damit … belästigt hatte. Ich war kein abgebrühter Halbstarker - ich wollte einer sein, aber Pustekuchen, ich war nur ein langer Schlacks, dünn und vom Leben verwirrt. Der Junge, den ich liebte wie eine Ikone, verprügelte mich, ich war quasi zwangsgeoutet worden, also wollte ich sterben.

Rückblickend war das vielleicht das Herzzerreißende, der Grund, warum ich jetzt so gut verstehen kann,, warum verprügelte Ehepartner dort bleiben, wo sie sind. Weil man nicht einfach aufhören kann, zu lieben, nur weil es vernünftiger wäre. Liebe hat mit Vernunft nichts zu tun, man glaubt ja sogar, man kann geschützt durch Liebe, unter Wasser atmen.

Ich wusste nicht, wohin. Ich hatte niemand, mit dem ich drüber reden konnte oder wollte. Fritz und Ilmaz waren für mich vollkommen asexuelle Kumpel (obwohl Fritz Kling damals schöner war als ein Engel und das, was man einen echten Freund nennen kann - doch über Fritz will ich einen eigenen Beitrag schreiben), und mit denen konnte ich über meine Schwärmerei für Walter nicht reden.

Eine Woche später, an einem Sonntag Anfang September, kaufte ich vier Flaschen Bier und eine Schachtel Ernte 23 Zigaretten, ging damit zum Teich, die Steigung nach oben zu den alten Betonplatten, die dort seit der Entstehung der Welt lagen, setzte mich hin und beschloss, mich zu betrinken und dann ins Wasser zu gehen, um zu ertrinken. Das war der Plan.

Und da saß ich nun und über mir wurde der Himmel dramatisch, Wind frischte auf und wehte Laub über das trockene Gras. Die Oberfläche des Teichs war rau wie eine Feile, ich trank Bier und rauchte und fing an zu reden. Zu niemand, zu mir selbst, zu Gott und den steinernen Wolken, die aneinander rieben und rumpelten. Das war mein Rapport ans Leben selbst. Ich sagte dem Wind, dass es okay sei, dass ich schwul bin und dass ich deswegen keine Angst vor meinen Eltern hatte, und dass ich mich nur davor fürchtete, zu lieben, zu lieben, zu lieben und abgewiesen und ausgelacht zu werden. Ich sagte den Wolken, wie sehr es an mir zehrte, so zerbrechlich und schwach zu sein, zu stottern, wenn mich jemand scharf anging und wie dumm ich mich fühlte, weil ich Fantasiegeschichten über mich und meine Familie erzählt hatte, als wir hier 1980 einzogen, weil ich nach Aufmerksamkeit suchte. Ich erzählte dem Donner in der Ferne, wie sehr es mich traurig machte, wie meine Eltern sich bemühten, nach dem Tod meines Bruders Rudi die Familie zusammenzuhalten, sich selbst zusammenzuhalten und ich konnte nichts beitragen, nur da sein, und ich sagte den Gräsern zu meinen Füßen, ich denke, es ist zu wenig, dass ich da bin, ich bin nicht genug, um sie zu retten.

Ich trank noch ein Bier und redete mich in Rage. Ich verfluchte Walter, weil er mein Vertrauen niedergeprügelt hatte, weil er sich mir entzog, weil er trotzdem noch immer so schön war und noch immer alles in mir für ihn lichterloh brannte. Und ich redete weiter und krächzte heiser und weinte wieder ein wenig. Und dann brach die Sonne durch die Wolken. Ein goldener Vorhang aus Licht, und ich sagte: In Wirklichkeit, also es ist so, ich will leben. Und ich höre nicht auf, Walter zu lieben, nur weil er nicht schwul ist und selber gerade eine urschwere Sache durchmacht. Er ist okay, und ich bin okay, und das Bier ist alle.

Dann dachte ich so: Ich hab mich zum ersten mal verliebt. So richtig bis in die Haarspitzen. Und für diesen einen kurzen Moment, als alles möglich schien, war es wunderschön. Ein sehnsüchtiges Ziehen im Hinterkopf, im Magen und in den Lenden. Ein zitterndes Hoffen. Und Regenbogen, Regenbogen, Regenbogen!

Walter und ich kamen nicht zusammen. Wir hatten nie was und ich hörte nach einiger Zeit auf, von ihm zu träumen. Wir näherten uns im Herbst wieder aneinander an und kamen miteinander aus. Im darauffolgenden Jahr zerfiel unsere kleine Gang aus Walter, Fritz, Ilmaz, Michael Szraly und einigen anderen, als ein paar der Jungs sich um Rudi Keller scharten, der in der Perlaszgasse ein Lokal einrichtete und sich die willige Arbeitskraft der Jungs sicherte, in dem er ihnen Freibier versprach. Walter gehörte zu ihnen. Ich fuhr an den Wochenenden immer öfter nach Wien, um Jungs kennenzulernen.

Das Leben trennte uns voneinander, Ilmaz zog nach Wien, Fritz mit seiner Mutter ins Burgenland und ich zog 1984 ebenfalls nach Wien. Von Walter hörte ich erst im August 1991 wieder, als meine Mutter mir erzählte, er sei im Juli deselben jahres bei einem Motorradunglück auf einer Serpentinenstraße tödlich verunglückt. Walter wurde auf dem Friedhof von Biedermannsdorf bestattet.

Ich habe sein Grab bis jetzt nie besucht.

Fritz the cat

Sommer 1980

Wenn es je einen Jungen gab, der den Spitznamen "Fritz the cat" verdient hatte, dann Fritz Kling. Ich lernte ihn im Sommer 1980 am Rande des Fußballfeldes von Biedermannsdorf kennen, wo er im Schatten alter Bäume saß und in der hohlen Hand rauchte. Da war er dreizehn Jahre alt, ich war gerade 15.
Obwohl ich damals noch nichts vom Geschichten schreiben wusste, oder davon, wie man Musik macht, obwohl ich damals mehr reaktiv war als besonnen, löste er in mir den Wunsch auf, meine Gedanken und Gefühle ihm gegenüber festzuhalten. Was mir neben seiner beinahe engelhaften Schönheit besonders intensiv auffiel, war seine Ernsthaftigkeit in allem, was er tat, plante, vorhatte und empfand. Fritz blödelte gerne, er war närrisch und lebendig wie ein Blitzschlag. Aber wenn es um Dinge ging, die außerhalb des Jux & Tollerei Rahmens lagen, zeigte er eine vertrauliche Ernsthaftigkeit, die mir fremd war und die mich ganz tief und ehrlich ansprach. Ich mochte ihn und ich wollte, dass er mich mochte. Was ihm besser gelang als mir selbst, war, durch meine Schutzmauer zu blicken und das zu sehen, was ich wirklich war: Ein schlaksiger, verletzlicher Träumer und Narr. Einer, der unsicher war und neu im Ort. Ein Außenseiter, wenn es je einen gegeben hat.

Er nahm mich an und seine Freundschaft war ebenso unaufdringlich wie still und ernst.
Und aufrichtig.

Ilmaz und Fritz the cat

Ilmaz war ein fünfzehnjähriger Junge, der Haare auf der Brust hatte und sich rasierte, weil er nicht mit einem Vollbart herumrennen wollte. Er und Fritz trieben sich eigentlich immer im Freien herum. Sie hatten kein Geld für Lokalbesuche oder um beim Greißler des Ortes Bier zu kaufen. Sie kratzten ihr Taschengeld zusammen und kauften sich Zigaretten: Hobby, Smart Export, Flirt. Das Billigste vom Billigen. Sie waren aus der Not heraus reine Naturburschen geworden, und als ich mich ihnen anschloss, ging das von einem Tag auf den anderen und völlig unprätentiös: Am Tag zuvor war ich noch allein und fand mich nicht zurecht, am nächsten hatte ich Freunde. Wir zogen über die Felder, halfen Fischern bei den Vösendorfer Ziegelteichen und verdienten uns so ein wenig Taschengeld dazu, mit dem wir Bier kauften. Damit zogen wir uns in eine der Jägerhochstämme zwischen Biedermannsdorf und Achau zurück, kappselten die Bierflaschen auf, rauchten Zigaretten, und redeten oder schwiegen. Das war unser Geruch: Rauch von Lagerfeuer, gegrillte Maiskolben, Zigaretten und unendlich viel frische Luft.

Sie zeigten mir, wie man auf den alten Betonsilo klettern konnte, um dort oben unbeobachtet zu rauchen, wie man Biedermannsdorf auf den Feldwegen umrunden konnte, wo im wilden Unterholz beim Teich einmal ein sterbender Wolf gefunden worden war (was ich für eine Legende hielt). Sie zeigten mir im Waldstück zwischen Biedermannsdorf und Wiener Neudorf das alte, lange Seil an dem man sich über das ausgetrocknete Bachbett schwingen konnte. Ich lud sie zu mir ein und meine Eltern machten verschnupfte Nasenlöcher, weil sie die Jungs irgendwie "gefährlich" fanden. Wildlinge wie mein Vater sie nannte. Nach einer Weile akzeptierten sie die beiden - vor allem wohl deshalb, weil wir im Grunde genommen nichts anstellten, nichts wirklich Blödes. Wenn wir Geld hatten, gingen wir in zu einem der drei Heurigen, die es im Ort gab und tranken Ribiselwein, und wer den schon mal getrunken hat, weiß, wie das Zeug einfahren kann. Betrunken zu werden war Anfang der Achtziger eine ziemlich billige Angelegenheit.

Fritz lebte allein mit seiner Mutter, sein älterer Bruder war im Gefängnis. Seine Mutter erschien mir immer abweisend, hart und lieblos. Yilmaz wohnte mit seiner Familie in einem Anbau des Borromäums. Sehr beengte Räumlichkeiten, große Familie, eine traurige Mutter und ein vater, der mit der Couch verwachsen war. Wir waren, lange bevor es so etwas im Kino gab, verlorene Jungs. Verlierer. Und deshalb war es so wichtig, dass wir einander hatten.

Der Schatten geheimer Träume

Fritz war älter als sein Taufschein es vermuten ließ. Er war 1981 vierzehn Jahre alt und auf eine ziemlich wilde Art & Weise hübsch. Er war muskulös und graziös wie ein Raubtier. Und er war sich dessen kein bißchen bewusst. Mich wunderte immer wieder, wie vollkommen uneitel er war und wie ihm eine Rangelei unter Freunden wichtiger sein konnte, als einfach nur statuenhaft schön zu sein. Ich erklärte mir das damit, dass Fritz entweder (noch) nichts von Sex wusste, oder vollkommen heterosexuell war und einfach noch nicht so weit, die Verbindung herzustellen zwischen äußerlicher Attraktion und die Suche nach sinnlicher Nähe.

Ich war um zwei Jahre älter und ich verdrängte die Träume, ihm nahe zu sein, wann immer sie auftauchten, und es war mir fast eine Erleichterung, als sich meine sexuelle Aufmerksamkeit im Sommer ´81 auf Walter Kroboth bündelte wie ein Lichtstrahl. So konnte ich weiter mit Fritz auf den Feldwegen herumziehen, um die Wette rülpsen oder einfach nur die Nähe genießen.
Er roch sogar im Winter immer irgendwie nach Sommer. Nach Heu und Felder und nach Regen, nach Lagerfeuer. Ihm haftete auch dieser süße Naturwassergeruch an, wie Wassermelone.
Damals nahm ich das nicht wahr, aber ich denke doch, dass Fritz und Yilmaz gekränkt waren, als ich immer öfter versuchte, Teil der Clique zu werden, zu der auch Walter Kroboth gehörte, weil er mich unwiderstehlich mit seiner erotischen Schwerkraft anzog. So dachte ich damals nicht. ich handelte nur, suchte Walters Nähe und malte mir aus, wie es wäre, ihn zu küssen und ihm zwischen die Beine zu greifen und zu spüren, wie er hart wurde.
Teenagerträume.
Auf irgendeiner Ebene verstand Fritz sehr gut was mit mir los war, aber er machte nie ein Thema draus.

Als wir einmal bei einem Treffen der Pfarrjugend dabei waren und eingeladen wurden, uns bei einem Gemeinschaftsspie zu beteiligen, stellten wir fest, dass wir beide anenander dasselbe mochten: Keiner von uns beiden machte sich je über andere Menschen lustig. Wir verspotteten niemand. Wir waren jugendliche Pragmatiker, könnte man sagen.
Wie viele andere Jugendliche, die in kleinen Ortschaften aufwuchsen, oder ihre Teenagerjahre dort verbrachten, hatten wir nicht viel zu tun. Deshalb erinnere ich mich jetzt ganz besonders deutlich, was uns in dieser Zeit, in diesem Jahr, bevor Sex, Mädchen, Lehrberuf und erste Träume vom eigenen Auto wichtig wurden, erfüllte. Es war die Nähe, die nichts verlangte und alles gab. Es war die Selbstverständlichkeit, dass wir da waren, die Vertrautheit, mit der wir den Atem des anderen kannten, das Herzpochen und den Geruch vom Schweiß, den Geruch der Kleidung. Wir waren uns vollkommen vertraut - nach kürzester Zeit ineinander verschränkt wie zwei Bäume auf einem einsamen Feld, die ineinander verwachsen sind.

Wie ein hingekritzeltes Fragezeichen

Ich glaube, es war im Sommer 1983, da zog Fritz mit seiner Mutter aus Biedermannsorf weg in das Bundesland Burgenland. Im Herbst deselben Jahres wurde der Anbau des Borromäums geschliffen, in dem Yilmaz mit seiner Familie gelebt hatte und sie zogen nach Wien. Ich stand auf einmal allein da, ich meine, so richtig allein. In den vergangenen zwei Jahren hatte ich auch andere Jugendliche in Biedermannsdorf kennengelernt, mit denen ich mich gut verstand. Da gab es sozusagen eine andere Außenseiterclique, auch irgendwie verlorene Jungs, und gleichzeitig machte ich meine ersten Gehversuche in der elektronischen Musik. Ich hatte um mein erspartes Lehrgeld Synthesizer gekauft und einen Drumcomputer und ein Hallgerät und wir probten in der Nachbargemeinde Achau im Keller eines Familiehauses, wo wir während der Sessions, in denen wir den Stil von Klaus Schulze und Tangerine Dream kopierten, wie die Weltmeister kifften. Das waren damals Klaus Giwiser, Reinhold Atlas und ich. Ich nahm beim jungen Kirchenorganisten Unterricht in Spieltechnik, Komposition und Harmonienlehre und stellte mich dabei nicht ganz dumm an.
das alles hielt mich auf Trab und wenn ich in den Nächten im frühen Herbst von der Probe von der Achau nach Biedermannsdorf unter dem vollen Mond nach Hause ging, wünschte ich mir mit schmerzlicher Intensität Fritz und Yilmaz zurück, die wie Schiffe in der Nacht davongetrieben waren. Ich sang mit meiner krächzenden, vom Kiffen schiefen Stimme "Be my friend" und manchmal blieb ich stehen, schlug die Hönde vors Gesicht, kauerte mich in den Straßengraben, damit mich niemand sehen konnte, und heulte. Eh nur wegen des Kiffs, klar?

Das Fundament meiner Ideale

Walter Kroboth war die erste Liebe meines Lebens und die erste herbe Enttäuschung.
Fritz aber war für mich das Fundament, auf dem ich meine Ideale für Freundschaft errichtete. Niemand konnte so viel geben wie er, ohne sich dabei wie einer zu benehmen, der gab.
Er war einfach da. Er war immer vollkommen da. Und deswegen wird mich die Erinnerung an ihn mein Leben lang begleiten.

Er hat mich geprägt.