12.01.2019

Reisen & Schreiben. Reiseschriftsteller


Die Stories, mit denen die Firma Moleskine ihre Notizbücher bewarb, waren einerseits um Ernest Hemingway gerankt, der angeblich in seiner Zet in Paris in Cafés saß und dort die kleinen, schwarzen Notizbücher voll schrieb, und andererseits um Bruce Chatwin, einem Reiseschriftsteller, der seine Impressionen ebenfalls in diese Notizbücher schrieb.

Beides ist Legende und gut erfunden, um dem Käufer und Inhaber eines Moleskine-Notizbuches ein bestimmtes Lebensgefühl mitzugeben. Der ganze Web-Auftritt von Moleskine ist darauf ausgelegt, das Alte, Handschriftliche, das Individuelle in das modern-urbane einzupflegen.

Würde ich Reiseberichte schreiben (hab ich doch schon, aber die sind irgendwo verschüttet, furchtbar subjektiv und es geht nur um Kuba, Kroatien, Gran Canaria, Rumänien ...), würde ich heute kein Moleskine Notizbuch benutzen oder irgend ein anderes, sondern meinen Laptop oder das Tablet mit einer bestimmten App. Für Reiseberichte und (Reise)Tagebücher bieten sch vor allem DayoneApp und DiaroApp an. Beide hab ich getestet und bei Diaro bin ich hängen geblieben. Der Grund ist einfach: Während man Dayone nur über die App selbst befüllen kann, und mir die Herumfitzlerei auf den Minitastaturen auf Tablets und Smarthones zuwider ist, gibt es für Diaro ein ausgereiftes Webinterface, das sämtliche Funktionalitäten der App abbildet. Nicht ganz von der Hand zu weisen ist auch die Synchronisationsmethode von Diaro; die benutzen nämlich die Dropbox, wenn man das will. So hat man immer alle Files in der eigenen Dropbox und kann beispielsweise mit der Windows 10 Filehistory den gesamten Ordner \apps\Diaro wegsichern.

Doch über was soll man als Reiseschriftsteller noch schreiben? Es gibt hervorragende Blogs wie zum Beispiel Follow your trolley, in dem es sehr informative und gut verfasste Artikel gibt, obwohl mir bei einigen Beiträgen zuviel Lifestyle und Schickimicki durchsimmert. Außerdem scheint der Blog grad still zu stehen, nachdem die Autorin Jeanette einen ziemlich hantigen, aber grandiosen Abgesang auf Reiseblogs verfasste, die unbedingt lesenswert sind. Die Instagramtraveller, die ihre Reiseziele rein nur nach der Instagramability auswählen, kriegen da jedenfalls ganz schön ihr Fett weg.

Wollte ich also auch über das Reisen schreiben, in welcher Nische sollte ich mich einkuscheln? Ich bin kein Lifestyle-Typ, ich bin nicht modisch, ich bin nicht fotogen und ich mag an mir keine wehenden, weißen Leinentücher im Südseewind, fotografiert vor dekorativen Windlichtern. Nein. da muss ich anders rangehen.

Eine Möglichkeit wäre, darüber zu berichten, was ich auf den Reisen erlebt habe, auch, wenn es sehr persönlich wird, und wie ich die Reisen erlebte. Also weniger darüber reflektieren, wo ich bin oder wohin ich reise, sondern darüber wie es mir dabei ergangen ist. Wie wäre es mit Durchfall nach zu viel Rum-Sauferei auf dem KLM-Heimflug, bei dem nach jedem Toilettenbesuch die Stewardess neben der Toilettentür stand, um zu prüfen, ob ich vielleicht eine Zigarette geraucht habe? Oder ein paar Worte über jenen verregneten Nachmittag, als Richard und ich unter dem Palmendach des verlassenen Strandes der Playa del Este auf Kuba saßen, bekannt als Mi Cayito, und dort mit Freunden aus Kuba Bier tranken, dem Prasseln des Regens zuhörten, Brathendl aßen und später halb trunken im Regen zur Brandung liefen, um in aller Wildnis nackt schwimmen zu gehen? Oder ein paar Worte darüber, als ich die Laterne im Lenin-Park in Havanna fand, in deren Licht der von der Politik gejagte Reinaldo Arenas seine Texte schrieb, und mich nicht dagegen wehren konnte, zu weinen?

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