26.02.2019

Soundtracks zum Schreiben


Wie im vorigen Posting angekündigt, zeige ich hier im Blog meine Playlisten her. Musik, die ich gerne beim Schreiben und Überarbeiten höre. Here we go with the epic stuff

Waking Up M83, Anthony Gonzalez & Joseph Trapanese
I'm Sending You Away M83, Anthony Gonzalez & Joseph Trapanese
Before Time Thomas Bergersen
Cry Thomas Bergersen
Final Frontier Thomas Bergersen
Freedom Fighters Thomas Bergersen, Two Steps From Hell
Mars Harry Gregson-Williams
Science the S*** Out of This Harry Gregson-Williams
Fly Like Iron Man Harry Gregson-Williams
Beautiful Lie Hans Zimmer
Where We're Going Hans Zimmer
Mountains Hans Zimmer
Chevaliers De Sangreal Hans Zimmer
Faith Hans Zimmer
Bumblebee Steve Jablonsky
Journey to the Line Gavin Greenaway

24.02.2019

Die Seele der Musik


Was mich beim Schreiben und Überarbeiten immer begleitete, waren Bier (abends), Kaffee (morgens) und Musik (sooft wie möglich). Sehr oft fühle ich mich im Klang der Stille am wohlsten, wenn das lauteste Geräusch um mich herum das Säuseln des Laptopkühlers ist - aber spätestens beim Überarbeiten mag ich Musik, die nicht unbedingt szenisch passen muss, sondern ganz generell die Stimmung des Romans erfasst, wie eine Art Klangfarbe, die einfach stimmt.

Früher, also vor Richard, also vor dreiundzwanzig Jahren, hörte ich Musik häufig laut, über große Lautsprecher. Jetzt, wenn ich morgens das Neue verfasse, und abends, wenn ich das Geschriebene überarbeite, höre ich Musik gerne mit In-Ear Kopfhörern. Da ich eher leise höre, ist mir die Klangqualität der Kopfhörer zwar relativ wichtig, aber auch nicht so, dass ich dafür mehr als 50€ ausgeben würde. Ich weiß, dass es immer etwas besseres und teureres gibt, nur sind das nicht die Kriterien, nach denen ich auswähle, was ich will. Was nützt mir ein Lotus Esprit, wenn ich mit vier Koffern zum Flughafen will, oder damit nur in der Stadt fahre? Und wozu brauche ich zB Teufel Move Pro, wenn ich im Fitnesscenter bin und die Nebengeräusche alle Feinheiten der teuren In-Ears fressen?

Zum Musikhören beim Schreiben und Überarbeiten verwende ich Xiaomi Pro HD, fürs Fitnesscenter die JBL Tune 110BT.

Als Musik nehme ich gerne alles, was ohne Gesang auskommt und nicht unbedingt in Form eines Liedes daherkommt. Gerade höre ich ganz gerne Steve Reich, Hans Zimmer sowieso immer, Cliff Martinez, aber auch portugischen Fado und viel akustische Gitarre. Ich werde in einem kommenden Blogbeitrag ein paar Listen veröffentlichen, was ich gerne so höre, wenn ich arbeite ...

23.02.2019

Nomaden, digital


Natürlich könnte man sagen: Hör mal, Du bist zu alt, um das zu verstehen. Und ich würde darauf antworten: Ich bin nicht zu alt, das zu verstehen, weil ich sehr viel von Träumen weiß, von der Ferne und dem Wunsch, woanders zu sein. Zu alt bin ich nicht, es zu verstehen, aber ich bin alt genug, es für mich nicht zu wollen, diese digitale Nomadie.

Auf das Thema bin ich gestoßen, weil ich teilweise mein Privatleben, aber auch berufliche Aufgaben mit einer App unter Kontrolle halte, die Todoist heißt und von der Firma Doist - wie sagt man - erzeugt wird. Programmiert. Erweitert - Ihr wisst, was ich meine.
Ich habe mich für den Hintergrund der Firma interessiert, weil sie einen sehr ansprechenden Webauftritt haben; und ähnlich wie Moleskine, haben auch sie den Weg genommen, die Art des Unternehmens, den Lifestyle der Leute, die Art der Zusammenarbeit und den globalen Aspekt zu einem Bestandteil des Gesamtmarketings zu machen. Es gibt sehr schöne Berichte über die Unternehmungen der Mitarbeiter, Blogbeiträge über Einstellungsinterviews und darüber, dass in diesem Unternehmen eigentlich niemand in einem Büro arbeitet, sondern "remote".

In einem Blogbericht über Rekrutierungsgespräche wird zum Beispiel geschrieben, dass sie sehr vorsichtig auf Äußerungen reagieren wie: Ja, ich wollte schon immer frei arbeiten und die Welt bereisen, dass sie aber sehr interessiert sind, wenn jemand über seine Hobbys spricht: Einer ist Naturfotograf, ein anderer unterstützt Behinderte ... wichtig ist es dem Unternehmen, dass die Leute Ziele verfolgen, denn dadurch zeigen sie Qualitäten, die das Unternehmen braucht. Remote zu arbeiten, gehört zum Unternehmenskonzept von Doist, ist aber kein Auswahkriterium für Bewerber.

Gerade Menschen, die remote arbeiten wollen, vor allem scheinen das unter Dreißigjährige zu sein, die unabhängig arbeiten möchten und dies entweder als Selbstständige verwirklichen, oder in dem sie für ein Unternehmen tätig sind, das Remoteworking anbietet, müssen in der Lage sein, sich selbst zu organisieren und sich selbst zu motivieren. Von überall zu arbeiten, bevorzugt sind instagramable Faroff-Plätze, erfordert tatsächlich sehr viel Selbstdisziplin, aber auch ein gerütteltes Maß an Egoismus.
Ich unterscheid hier zwischen Remote (also unter Umständen von zu Hause aus) arbeiten und auf Reisen arbeiten. Was die Leute brauchen, die Reisen und arbeiten, passt meist in einen Rucksack. Ein stabiles Laptop, ein Smartphone, vielleicht ein Tablet mit Bluetooth Tastatur, Ladegeräte, Akkupacks, Kabeln und starke Sonnenmilch.


Das digitale Nomadentum scheint das Ding zu sein. Es wird durchwegs nur positiv dargestellt, all diese Nomaden sind fesch, sympathisch, kreativ, spontan, mutig, belesen und überhaupt bemerkenswert in jedem Sinne, wo sie hinreisen, ist Achterbahn. Jeder Ort, an dem sie waren, wird zum Hotspot, wenn es nicht schon einer war.

Mein Eindruck ist, dass das eine Modeerscheinung ist. Nicht das Nomadentum, das gabs schon seit jeher. Nein, ich meine die positive Darstellung und Rezeption des Nomadentums. Fast jahrhundertelang galt der fahrende Geselle, der Heimatlose, als Mensch geringen Wertes. Gut war, ein Daheim zu haben, eine Familie, einen Job, und all das möglichst lange, ohne Unterbrechung. Zugegeben, das klingt spießig und ist es vermutlich auch. Mich stört nicht, dass die U30er in der Welt herumgondeln und Marketingjobs erledigen. Übersetzungen liefern, Reiseblogs verfassen usw. In unserer Welt ist das eine legitime Art, sein Leben zu führen. Was mich irritiert, ist die intensive Bewerbung dieses Lebensstils. So als gäbe es nichts Besseres. Vor allem, weil alles Ü30 (über Dreißigjährige) ausgeblendet wird, als ob es das nicht gäbe oder so widernatürlich ist, dass man es verschweigt.

Während ich der Möglichkeit, remote zu arbeiten, viel abgewinnen kann, erscheint mir das Nomadentum der digitalen Generation eher von Rastlosigkeit getrieben, als von Selbstverwirklichung. Die Suche nach neuen Orten, Hotspots, nach Menschen und Ländern erscheint mir wie die Suche nach neuen Apps, um sich zu organisieren, den Weg, wie man an die Dinge herangeht, zu ändern, den Fokus neu anzupassen.
Mir fehlte als Digital Nomad die Muße, den Ort den ich besuche, zu genießen. Was habe ich davon, in Brasilien in einem kleinen Dorf im einzigen Lokal mit WLAN zu sitzen (dafür ohne Klimaanlage), und verschwitzt an einem Marketingkonzept zu arbeiten? Das kann ich im Sommer in Wien am Balkon unterm Sonnenschirm auch haben - und weiß, dass die Drinks nicht gepanscht sind.

Dazu kommt, dass das Leben als Digital Nomad nicht billig beginnt. Dabei gehts mir weniger um die Wahl der ersten Ziele, sondern um die Anschaffung aller Devices, die man braucht, um Starten zu können, plus den Erwerb aller möglichen Lizenzen für Software.

Ich gestehe, dass mir die Idee vor zwanzig Jahren gefallen hätte, als Schriftsteller an exotischen Plätzen zu schreiben, der Hansdampf in allen Gassen, der Kerl, der die Welt kennt und in Sloppys Bar in Venedig ebenso gebechert hat wie in Sloppys Bar in Florida und in Sloppys Bar in Havanna, der in der Bar La Terazzas in Cojimar auf der Terrasse sitzt, windgekämmt und sonnengegerbt, braun und voller Lyrik, vertraut mit allen Apps und Wlan-Hotspots dieser Welt - aber irgendwann hätte ich dann auch nach Hause gewollt. Vielleicht, weil es in der Natur von uns Menschen liegt, ein Zuhause zu mögen, ein Nest zu bauen, den Ort zu haben, zu dem man immer wieder zurückkehren kann, wo man willkommen und sicher ist. Klingt jetzt sicher spießig und alles, okay, aber ist es nicht auch spießig, alle, die nicht dieses instagramnormierte Leben führen, als Spießer abzutun?

Remote zu arbeiten als zusätzliche Möglichkeit, beweglich und unabhängig zu sein ist für mich sehr in Ordnung. Das sektenhafte Propagieren eines unsteten Lifestyles ist für mich nachvollziehbar, weil die Protagonisten das Alleinsein spüren, und durch virtuelle Gruppenbildung kompensieren, aber es erscheint mir falsch.
Und spätestens, wenn man eine Beziehung hat und über Kinder nachdenkt, erweist es sich auch oft als falsch.

Tut es das nicht, muss man mit dem hohlen Gefühl leben, ein einsamer Egoist zu sein, den die Getriebenheit einsam macht weil sie ihm wichtiger ist als alles andere..

 

20.02.2019

Notizen, Notizen


So, wie ist denn das nun mit den Notizen, bevor, während und nachdem man einen Roman geschrieben hat?
Ich gebe zu, ich bin, was meine Notizen betrifft, chaotisch und hundsmiserabel organisiert. In den letzten Jahren versuchte ich, meine Notizen mit diversen Apps unter Kontrolle zu bringen. In Ordnern und Unterordnern, mit #hashtags und anderen Sortierungen. Schließlich sah ich, dass ich mit der Organisation der Notizen mehr befasst war, als mit dem Verfassen von Einträgen.

Während ich mit der Idee liebäugelte, meine Notizen nur noch handschriftlich niederzuschreiben, befasste ich mich mit Webseiten und Blogs, die sich mit dem Lifestyle rund um Notizbücher befasste, weil Notizen schreiben nicht nur der rein pragmatischer Akt ist, irgendetwas irgendwo zu erfassen, sondern auch ein sinnliches Erlebnis, und stolperte ich über das Bulletjournal. Abgesehen vom stimmigen Design der Website, die mir gut gefällt, erschreckte mich, um was es bei Bulletjournal geht.

Es ist ein simples Notizbuch, blank, mit vorgegebenen Punkten, um - sagen wir mal - Aufgaben zu erfassen. Begleitet wird diese simple Idee von einem im Handel erhältlichen Buch, in dem die Bulletjournal-Methode erläutert wird. Ein Art Lebenshelfer für Desorganisierte, ihr Leben unter Kontrolle zu bringen, in dem man das Bulletjournal so nutzt, wie dessen Entwickler sich das ausgedacht hat.
Quasi eine App aus Papier, deren Handhabung man erlernen kann, in dem man die Anleitung als Buch kauft. Auch nicht schlecht.

Und da war sie ja wieder, die Überorganisation, Schreck lass nach! Gerade überarbeite ich im ersten Korrekturlauf meinen neuen Roman CODA, und vor allem im zweiten Teil habe ich sehr umfangreiche Änderungen vor. Da muss ich ganze Kapitel neu schreiben und *zig Seiten rausschmeißen. Um mir die Ideen zum Umschreiben zu notieren, verwende ich jetzt einfach einen linierten Moleskine, und schreib dort so rein, wie es mir einfällt. Ein Ideenblock nach dem anderen, die Blöcke durch einen --> gekennzeichnet. Und aus.

Die Sehnsucht, mich aus dem App-Gestrüpp zu befreien, ist groß, die Sirenengesänge, die mich halten wollen, wohlklingend und laut. Aber irgendwie taugt mir das Schreiben ins Notizbuch. Ist irgendwie (n)erdiger :-)

Und wie halte ich es nun mit den Notizen?
Da ich zum ersten Mal einen Roman überarbeite, dessen begleitenden Notizen ich in ein Notizbuch schreibe, weiß ich nicht, wie es in Zukunft wird. Zu App-Zeiten kam alles zusammen in einen Ordner auf den PC, wurde gezippt, eingetütet und archiviert. Ganz einfach.

Add 1: Woran ich auf jeden Fall arbeiten muss, ist meine Handschrift. Furchtbar, einfach furchtbar.

Add 2: Nur weil es in Gesprächen aufgetaucht ist. Wie sieht nun mein Prozess aus, wenn ich einen Roman schreibe?

Ungefähr so:
  • Ich gehe ziemlich lange mit einer Idee schwanger, und da ich immer an irgendetwas arbeite, drängt mich die Schwangerschaft der neuen Idee, das aktuelle Projekt verdammt noch mal fertigzustellen
  • Rohfassung erstelle ich mit Papyrus Autor (derzeit Version 9), die Überarbeitung nehme ich ebenfalls in Papyrus vor. Dabei nutze ich aber nicht die Vorlagen "Muss noch geschehen" und "Beim Überarbeiten beachten). Früher machte ich Notizen in Evernote. Jetzt habe ich das Notizbuch neben der Tastatur liegen und schreibe mir (zunächst nur einmal) Ideen auf, Auffälligkeiten, Szenen, wo die Erzählreihenfolge nicht passt, wo namen verwechselt wurden, das grobe Zeugs eben. Im aktuellen Fall notiere ich Szenen, die ich samt und sonders killen will und Ideen für Szenen und Kapitel, die ich noch schreiben muss.
  • All das geschieht zu 90% auf dem Laptop, während ich im Wohnzimmer auf der Couch sitze und die Beine ausstrecke. Das Drumherum stört mich wenig, vermutlich so wenig, wie sich Kaffeehausliteraten vom Geklapper und Zischen und Gemurmel im Kaffeehaus stören lassen.
  • Dann kommt der Schritt, in dem ich den Roman nach MOBI exportiere, auf  den Kindle lade und versuche, die Geschichte mit dem kalten Auge des Fremden zu lesen. Auch dabei (soweit bin ich erst in ein paar Wochen) werde ich das Notizbuch dabei haben, und weitere Überlegungen notieren.
  • Dann überarbeite ich den Text ein drittes Mal, exportiere ihn für den Verlag, archiviere die vorangegangenen Versionen als Zipfile und das verstaue ich sowohl auf meiner externen Festplatte wie auch in der Cloud - you never know ...
Und das war es dann auch schon. Eh simpel. Zuerst den Roman schreiben. Nicht schnell, eher genüsslich. Pause. Dann den groben Dreck rausputzen. Pause. Exportieren, kalt lesen, noch mehr Dreck raus, die Kanten feilen, ein paar Kanten drin lassen, fürs verschicken vorbereiten und das Arbeitsmaterial archivieren.
Wie ich mit den vollgeschriebenen Notizbüchern umgehen werde, weiß ich noch nicht, vermute aber, die werden im Bücherregal einen eigenen Platz finden. Falls ich mal nostalgisch werde, Wein trinke und mir für Literaturromantik das Teelicht beim Kacken nicht genügt.


13.02.2019

Wie lange schreibt man an einem Roman?


Auf Twitter fand ich einen Beitrag des Schriftstellers Richard Norden, der auf seinen Blogeintrag verweist, in dem es um die Frage geht, wie lange man an einem Roman schreibt. Richard beleuchtet das Thema sehr gut, scheint sich aber eher auf den produktiven Aspekt des Schreibens zu konzentrieren. Wie lange braucht also ein Schriftsteller, um einen Roman fertigzustellen, und schafft man mehr als einen Roman pro Jahr? In Richards Blogbeitrag wird von Indie-Autoren berichtet, die mehr als einen Roman im Jahr schreiben und diese selbst veröffentlichen.

Es wird zwar drauf aufmerksam gemacht, dass nicht jeder, der schreibt, den ganzen Tag dazu Zeit hat. Im Grunde genommen haben das die Wenigsten. Meiner Erfahrung nach nur Schriftsteller, die von der Schriftstellerei leben können, Schriftsteller, die mit der Arbeitslosen oder der Mindestsicherung durchkommen, oder Schriftsteller, deren Ehepartner genug für zwei (oder mehr) verdienen und die Leidenschaft des Autoren unterstützen.

Ich finde die Frage, wie lange man an einem Roman schreibt, typisch deutsch. Produktivität, Zeitrahmen, Vermarktbarkeit ... alles vernünftige und nüchterne Begriffe - aber nichts davon erscheint mir wirklich wesentlich für das Schreiben eines Romans. Nicht, wenn man nicht davon leben muss. Wer vom Schreiben leben muss, der muss sich auch mit diesen Fragen der Produktivität befassen.

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Ich habe für meinen letzten Roman fast zwei Jahre gebraucht, weil ich nicht immer geschrieben habe, weil ich zwischendurch einen Kurzroman verfasste, und weil ich schreibe, wenn ich Lust dazu habe. Mein Freund Thomas Mühlfellner, ein hervorragender Leser und Rezensionist, brauchte für seinen ersten Roman ungefähr fünf Jahre.
Bitte wen juckts, wenn das Ergebnis gut ist? Wer wird jemand für seine Produktivität loben, wenn das Produkt belanglos, beliebig und austauschbar ist?

Mario Vargas Llosa schreibt, dass der größte Lohn des Schreibens das Schreiben selbst ist. Dieser Aussage fühle ich mich tiefer verbunden, als Hochrechnungen, wie viele Romane sich in einem Jahr ausgehen.

Wie heißt es so schön? Ein Roman ist so lange, bis er zu Ende ist. Das lege ich ganz einfach um auf: Man schreibt so lange an einem Roman, bis man mit ihm fertig ist.


09.02.2019

Mit der Hand schreiben - Teil 2


Wenn früher mal zwei Leute ein Geheimnis teilen wollten, sei es eine Verschwörung, ein Handel, ein Kuss, dann gingen sie mal kurz um die Ecke und redeten miteinander. Wenn die Kommunikation aufgrund der Entfernung einseitig war, schrieben sie sich Briefe und vertrauten darauf, dass das Briefgeheimnis respektiert wurde; überhaupt dann, wenn der Brief versiegelt wurde.

Heute kippen wir jede Form der Information ohne Not und Zwang ins Web, sei es nun in Soziale Netzwerke, auf Blogs, in Diskussionsforen. Das, was einem früher als heilig galt, die Privatsphäre, wird ausgehebelt durch die Konditionierung des Menschen, auf Privatsphäre und Geheimnisse zu verzichten, wenn er dafür schneller und leichter eine Belohnung bekommt.
Die Belohnung für das närrische Nackt Ausziehen vor einem nicht wirklich anonymen, aber entfernten Publikum, sind Likes, Thumbs Up, Zuspruch, zustimmendes, schweigendes Nicken. Die Illusion allgemeiner Zustimmung zu dem, was man sagt, gewürzt durch den Widerspruch von denen, die man provozieren will, muss immer wieder neu befeuert werden. Deswegen gibt es ununterbrochen Shitstorms und die Suche nach der ständigen Erregung.

Und es gibt im Grunde keine Sehnsucht mehr nach dem Geheimen, dem Eigenen, das Niedergeschriebene, das sich selbst genügt, genug für den ist, der es verfasst hat.
Die Grundeinstellungen der diversen Social Media Plattformen zufolge, ist das Geheime widernatürlich und bizarr, daher gestaltet sich die Abschottung der eigenen Profile durchaus komplex, die Sicherheitsmaßnahmen werden unüberschaubar: Passwortmanager, 2-Wege-Authentifizierung, endlose Listen von Einstellungen, die man vornehmen kann, ungefähr so übersichtlich und geliebt wie das Kleingedruckte in einem Vertrag.
All das bräuchte man nicht, wenn man darauf verzichten würde, all das Banale, das Unwichtige und rein Selbstgefällige aus sich heraus sprudeln zu lassen.

Ich versuche, Romane zu schreiben. Manchmal gelingt mir das, oft versage ich dabei. Zum Schreiben von Romanen gehört es, dass ich recherchiere, mir Notizen mache, und ab und zu ist es ganz nett, sich mit anderen, die auch schreiben, über das Thema auszulassen.
Doch das Internet mit all seinen Belohnungsmechanismen und seiner Gier nach immer mehr Information, hat mich träge gemacht und unkonzentriert. Manchmal, vor allem am Wochenende, wird mir bewusst, wie sehr ich mich danach sehne, all diesen zeitverscheißenden Blödsinn hinter mir zu lassen. Ich meine Facebook, Instagram, Twitter. Tagebuch im Internet schreiben, online Notizbücher teilen ... Wäre mein Leben um einen Deut ärmer oder weniger wert? Vielleicht wäre es so, als ob jemand, der jahrelang selbst die kürzesten Strecken mit dem E-Scooter fuhr, nun alles zu Fuß macht und draufkommt, dass seine Muskulatur verkümmert ist.
Kann ich mich noch mit mir selbst befassen, mit den Aufgaben und Zielen, die ich mir selbst setze, oder bin ich schon abhängig von den kleinen Süßigkeiten der Likes und Sternchen und Herzchen?

Wie wäre es, bei der nächsten Reise das Smartphone zu Hause zu lassen und stattdessen ein Notizbuch mitzunehmen? Vielleicht würde ich dann wieder mehr genießen, irgendwo zu sein und nicht dauernd zu prüfen, ob der Ort tauglich ist als Hintergrund für ein Foto?
Ich meine, ich mach das ganz gerne, scrolle stundenlange durch Instagram Hashtags zum Thema Reisen, Südamerika, etc ... Das ist unproduktive Zeit, in der ich mich nicht einmal mit mir selbst befasse, sondern Bilder ansehe, 70 % davon sind Scheiße.

Möglicherweise ist das ein nicht all zu ferner Trend: Die Rückkehr zu den Dingen, die man bei der Hand hat. Und zurück ins Private, wo man nicht mehr alles vor allen ausbreitet, als ob jeder alltägliche Furz bedeutungsvoll wäre.
Ich gehe schwanger mit dieser Idee, ganz konservativ privat zu sein. Man muss ja wirklich nicht zu jeder Zeit auf allen Kanälen mit der ganzen Welt in Verbindung stehen, denn welchen Gewinn zieht man wirklich daraus? Wie ist die Bilanz von Zeit, die man aufwendet, und dem, was man durch die verbrauchte Zeit an Erfahrung, Wissen und Resonanz gewonnen hat?

Bei mir sihet es aus, als wäre die Bilanz absolut nicht ausgeglichen.

Mit der Hand schreiben - Teil 1


Ehrlich, ich würde gerne mit der Hand schreiben. Mein Handicap ist meine Faulheit und meine Wahnvorstellung, von allen Geräten und immer von Geräten auf alle Informationen zugreifen zu wollen.
Mit der Hand zu schreiben, hätte einige wirklich nicht von der Hand zu weisende Vorteile:
  • Man verlernt nicht mit der Hand zu schreiben
  • Man schafft physikalische Archive, die man in Schuhkartons stapeln kann
  • Man ändert den Lebensstil ein wenig
  • Und im Café halten sie einen für einen Intellektuellen
Ich glaube schon, dass die Langsamkeit des Schreibens mit der Hand auch dazu führt, dass man genauer darüber nachdenkt, was man schreibt, und ob es überhaupt wert ist, notiert zu werden.
Ich weiß nicht, wie es Euch geht, doch Tools machen mich zum Sammler - ich weiß ja nicht, wie's Euch so damit geht, aber z. B. Evernote flüstert mir dauernd ins Ohr: "Speichere dies, clippe das, notiere das; nicht weil Du es brauchst, sondern weil es so schön ist, mit mir zu arbeiten."


Das scheint neben der reinen Funktionalität all dieser Produktivitätstools das Hauptmerkmal zu sein. Es wird Teil des eigenen Lifestyles, Evernote zu verwenden, mit all dem Lebensgefühl, das Evernote vermittelt, Any.Do als Taskmanager, Wunderlist als Listenapp, Notejoy für Groupnotes, Slack für Gruppenkommunikation, todoist und twist für Aufgabenmanagement und Gruppenkommunikation ... Die Liste ließe sich fortsetzen, aber es sollte genug sein, um zu illustrieren, was ich meine. Sich allein durch Funktionalität zu unterscheiden, genügt nicht mehr. Die Apps müssen über ihre Haptik und die Art, wie man sie nutzt, einen Mehrwert darstellen, das stille Versprechen, die Art, auf die man arbeitet, nicht nur zu verbessern, sondern auch schöner zu machen.

Ich hatte früher, also so vor sieben oder acht Jahren eine Phase, da kaufte ich für die Reisen nach Kuba Moleskine Notizbücher. Durch geschicktes Marketing hat es dieser Brand geschafft, sich als das Notizbuch der Schriftsteller, der Kreativen und der Reiseschriftsteller zu etablieren. Die Webseite des Herstellers ist mittlerweile ganz schön gewachsen und führt den Besucher in ein eigenes Universum der Kreativität, des Stils und Lebensgefühls. Schaut Euch dort mal um: https://at.moleskine.com/de

Ein anderer Herstellerhttps://fieldnotesbrand.com, diesmal nicht aus Europa, sondern aus den USA, knüpft mit seinen Produkten an das Lebensgefühl der Pionierzeit an. Das Produktuniversum ist mehr instagramable. Ich würde wirklich gerne einmal so ein Dreierpaket von diesem Hersteller kaufen, aber eine Stimme sagt mir: Kauf nur. Du schreibst wahrscheinlich gerade einmal Deinen Namen rein, die Anschrift und auf die erste Seite "Hallo Welt". Und dann vergammelt dieses aus den USA importierte Produkt in Deiner Klumpertlade vor sich hin und stirbt.


Ja, ich müsste meine Arbeitsweise umstellen, und zuerst einmal hinterfragen, ob ich wirklich alle Notizen zu jeder Zeit überall zur Hand brauche. Dann müsste ich eine Trendwende schaffen, von der reinen Quantität der Notizen, zu denen mich die Apps verführen, zu mehr Qualität der Notizen. Jedes Mal, wenn ich in Evernote stöbere, frage ich mich: Brauche ich diese Notiz? Und diese? Und die da? Und wenn ich die alle nicht brauche, wozu habe ich dann diese verdammte Evernote Premium Lizenz bezahlt? Ich kann doch nicht ein Jahresabo abschließen und nach zwei Monaten sagen: Scheiß doch der Hund drauf!
Das geht doch nicht!

Ich könnte es versuchen. Evernote ausmisten und dann eine Trennung der Notizen vornehmen: Was ich an faktischen Informationen brauche, bleibt in Evernote (Adressen, Fahrpläne, Reiserouten, Lizenzen, Ordinationszeiten meines Hausarztes, Ihr wisst, was ich meine.
Und in das Notizbuch aus Papier kommt all das andere Zeugs: Ideen für Kurzgeschichten und Romane, Skizzen von Charakteren, Impressionen der Gegend, in der ich mich gerade befinde. So hätte die Lizenz für Evernote (viel zu teuer! *matschker*) ihren Sinn nicht verloren und was weiß ich, vielleicht entrümpelt diese Herangehensweise mein von Ablenkungen verstopftes Hirn?

07.02.2019

Reiseblog veröffentlicht


Heute habe ich meinen Reiseblog veröffentlicht - wobei Blog der falsche Begriff ist. Vielmehr handelt es sich um Reiseberichte, Impressionen und manchmal einfach nur um Fotoalben. Bis jetzt habe ich vor allem die Kuba-Reisen hochgeladen, es fehlen allerdings noch ein paar Berichte.

Als Nächstes möchte ich Fotos von unseren Bergtouren hochladen. Davon gibt es auch schöne Fotos; Texte muss ich dazu noch verfassen.

Link: reisen.nathschlaeger.com


05.02.2019

Mein aktuelles Setup

Um die Arbeit an den Texten vor mir herzuschieben, spiele ich oft und gerne mit diversen Apps herum und versuche so (das rede ich mir zumindest ein), meine Schreibprozesse zu durchleuchten, sie zu hinterfragen und vielleicht aufzubrechen. Habe ich bis vor Kurzem noch geschwärmt von Distractionfree Writing-Apps wie Omm-Writer oder ZenWriter, habe ich mich schon nach recht kurzer Zeit wieder von diesen Tools getrennt, weil sie zu sehr in sich geschlossen sind. ZenWriter erzeugt überhaupt keine Outputfiles, außer, man exportiert den in einer Datenbank in der App gespeicherten Text.

Nach einigem Hin & Her finde ich immer wieder zu einem Setup zurück, das sich bewährt hat.


Grundsätzlich verfasse ich alle Romanentwürfe in Papyrus Autor. Ich habe einige andere Programme ausprobiert und bin immer wieder zurück zu Papyrus Autor, auch wenn es altbacken aussieht, wie für WindowsNT geschrieben. Aber das ist egal. Ich nutze auch nicht den vollen Leistungsumfang des Programms, weil ich dazu tendiere, einfach zu schreiben und nur wenig zu planen. Die Figurendatenbank nutze ich gerne, weil ich ein Schussel bin. Außerdem macht mir das Herumgepfriemle irgendwie Spaß. Die Stilanalyse benutze ich nie, dafür bin ich froh, dass der Duden-Korrektor an Bord ist und pfeilschnell arbeitet.


Für Notizen aller Art, quasi mein Hirn, verwende ich Evernote. Auch für dieses Programm habe ich Alternativen gesucht und ausprobiert, zB sehr minimalistisch Simplenote oder Google Notes, aber die Handhabung von Evernote liegt mir einfach mehr. Ordner, Unterordner, durchsuchbare Anhänge, der Clipper ... in Evernote speichere ich nicht nur allerlei privaten Krempel wie Reiseunterlagen, Reiseideen, Sätze, Zitate und Fahrpläne, sondern auch Exposés, Zusammenfassungen, was noch geschehen muss - ich habe die in Papyrus Autor Projekten zur Verfügung gestellten "Was noch geschehen muss" und "Beim Überarbeiten beachten" quasi in Files ausgelagert. Jedes Romanprojekt bekommt einen eigenen Ordner und dort gibt es dann Unterordner zu Orten, Personen und Ereignissen.


Um an Texten arbeiten zu können oder schnell mal ein Kapitel von unterwegs zu verfassen und da es Papyrus Autor (noch) nicht für Android Tablets gibt, verwende ich einen Markdowneditor, den ich auf dem Smartphone (Xiaomi MI8), dem Tablet (Huawei M5) und dem Laptop (Win10) installier habe, den IA Writer. Damit erzeugt man schlanke Textfiles, die man mit Markdown etwas in Form bringen kann, wenn man das möchte, und da der Ordner, in dem ich die Textdateien ablege, auf einem Cloudspeicher liegt, habe ich von allen Geräten zu jeder Zeit Zugriff auf die Texte. Plaintext in das Papyrus Dokument einzufügen, geht immer schmerzfrei.

Meine Überlegung ist, zB Kurzgeschichten und Tagebucheinträge (DayOne App) grundsätzlich nur noch in IA Writer zu verfassen, weil mich die weiße Leere in ihrer schlichten Eleganz sehr anspricht. Und was weiß ich, vielleicht schreib ich sogar mal eine Novelle auf dem Smartphone ...

Neee.






Der Tod eines Buches

Bücher können sterben. Das ist natürlich ein schauerromantischer Denkansatz, aber ja, ich glaube, dass Bücher sterben können. Damit meine...