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Mit der Hand schreiben - Teil 2

Wenn früher mal zwei Leute ein Geheimnis teilen wollten, sei es eine Verschwörung, ein Handel, ein Kuss, dann gingen sie mal kurz um die Ecke und redeten miteinander. Wenn die Kommunikation aufgrund der Entfernung einseitig war, schrieben sie sich Briefe und vertrauten darauf, dass das Briefgeheimnis respektiert wurde; überhaupt dann, wenn der Brief versiegelt wurde.

Heute kippen wir jede Form der Information ohne Not und Zwang ins Web, sei es nun in Soziale Netzwerke, auf Blogs, in Diskussionsforen. Das, was einem früher als heilig galt, die Privatsphäre, wird ausgehebelt durch die Konditionierung des Menschen, auf Privatsphäre und Geheimnisse zu verzichten, wenn er dafür schneller und leichter eine Belohnung bekommt.
Die Belohnung für das närrische Nackt Ausziehen vor einem nicht wirklich anonymen, aber entfernten Publikum, sind Likes, Thumbs Up, Zuspruch, zustimmendes, schweigendes Nicken. Die Illusion allgemeiner Zustimmung zu dem, was man sagt, gewürzt durch den Widerspruch von denen, die man provozieren will, muss immer wieder neu befeuert werden. Deswegen gibt es ununterbrochen Shitstorms und die Suche nach der ständigen Erregung.

Und es gibt im Grunde keine Sehnsucht mehr nach dem Geheimen, dem Eigenen, das Niedergeschriebene, das sich selbst genügt, genug für den ist, der es verfasst hat.
Die Grundeinstellungen der diversen Social Media Plattformen zufolge, ist das Geheime widernatürlich und bizarr, daher gestaltet sich die Abschottung der eigenen Profile durchaus komplex, die Sicherheitsmaßnahmen werden unüberschaubar: Passwortmanager, 2-Wege-Authentifizierung, endlose Listen von Einstellungen, die man vornehmen kann, ungefähr so übersichtlich und geliebt wie das Kleingedruckte in einem Vertrag.
All das bräuchte man nicht, wenn man darauf verzichten würde, all das Banale, das Unwichtige und rein Selbstgefällige aus sich heraus sprudeln zu lassen.

Ich versuche, Romane zu schreiben. Manchmal gelingt mir das, oft versage ich dabei. Zum Schreiben von Romanen gehört es, dass ich recherchiere, mir Notizen mache, und ab und zu ist es ganz nett, sich mit anderen, die auch schreiben, über das Thema auszulassen.
Doch das Internet mit all seinen Belohnungsmechanismen und seiner Gier nach immer mehr Information, hat mich träge gemacht und unkonzentriert. Manchmal, vor allem am Wochenende, wird mir bewusst, wie sehr ich mich danach sehne, all diesen zeitverscheißenden Blödsinn hinter mir zu lassen. Ich meine Facebook, Instagram, Twitter. Tagebuch im Internet schreiben, online Notizbücher teilen ... Wäre mein Leben um einen Deut ärmer oder weniger wert? Vielleicht wäre es so, als ob jemand, der jahrelang selbst die kürzesten Strecken mit dem E-Scooter fuhr, nun alles zu Fuß macht und draufkommt, dass seine Muskulatur verkümmert ist.
Kann ich mich noch mit mir selbst befassen, mit den Aufgaben und Zielen, die ich mir selbst setze, oder bin ich schon abhängig von den kleinen Süßigkeiten der Likes und Sternchen und Herzchen?

Wie wäre es, bei der nächsten Reise das Smartphone zu Hause zu lassen und stattdessen ein Notizbuch mitzunehmen? Vielleicht würde ich dann wieder mehr genießen, irgendwo zu sein und nicht dauernd zu prüfen, ob der Ort tauglich ist als Hintergrund für ein Foto?
Ich meine, ich mach das ganz gerne, scrolle stundenlange durch Instagram Hashtags zum Thema Reisen, Südamerika, etc ... Das ist unproduktive Zeit, in der ich mich nicht einmal mit mir selbst befasse, sondern Bilder ansehe, 70 % davon sind Scheiße.

Möglicherweise ist das ein nicht all zu ferner Trend: Die Rückkehr zu den Dingen, die man bei der Hand hat. Und zurück ins Private, wo man nicht mehr alles vor allen ausbreitet, als ob jeder alltägliche Furz bedeutungsvoll wäre.
Ich gehe schwanger mit dieser Idee, ganz konservativ privat zu sein. Man muss ja wirklich nicht zu jeder Zeit auf allen Kanälen mit der ganzen Welt in Verbindung stehen, denn welchen Gewinn zieht man wirklich daraus? Wie ist die Bilanz von Zeit, die man aufwendet, und dem, was man durch die verbrauchte Zeit an Erfahrung, Wissen und Resonanz gewonnen hat?

Bei mir sihet es aus, als wäre die Bilanz absolut nicht ausgeglichen.

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