23.02.2019

Nomaden, digital


Natürlich könnte man sagen: Hör mal, Du bist zu alt, um das zu verstehen. Und ich würde darauf antworten: Ich bin nicht zu alt, das zu verstehen, weil ich sehr viel von Träumen weiß, von der Ferne und dem Wunsch, woanders zu sein. Zu alt bin ich nicht, es zu verstehen, aber ich bin alt genug, es für mich nicht zu wollen, diese digitale Nomadie.

Auf das Thema bin ich gestoßen, weil ich teilweise mein Privatleben, aber auch berufliche Aufgaben mit einer App unter Kontrolle halte, die Todoist heißt und von der Firma Doist - wie sagt man - erzeugt wird. Programmiert. Erweitert - Ihr wisst, was ich meine.
Ich habe mich für den Hintergrund der Firma interessiert, weil sie einen sehr ansprechenden Webauftritt haben; und ähnlich wie Moleskine, haben auch sie den Weg genommen, die Art des Unternehmens, den Lifestyle der Leute, die Art der Zusammenarbeit und den globalen Aspekt zu einem Bestandteil des Gesamtmarketings zu machen. Es gibt sehr schöne Berichte über die Unternehmungen der Mitarbeiter, Blogbeiträge über Einstellungsinterviews und darüber, dass in diesem Unternehmen eigentlich niemand in einem Büro arbeitet, sondern "remote".

In einem Blogbericht über Rekrutierungsgespräche wird zum Beispiel geschrieben, dass sie sehr vorsichtig auf Äußerungen reagieren wie: Ja, ich wollte schon immer frei arbeiten und die Welt bereisen, dass sie aber sehr interessiert sind, wenn jemand über seine Hobbys spricht: Einer ist Naturfotograf, ein anderer unterstützt Behinderte ... wichtig ist es dem Unternehmen, dass die Leute Ziele verfolgen, denn dadurch zeigen sie Qualitäten, die das Unternehmen braucht. Remote zu arbeiten, gehört zum Unternehmenskonzept von Doist, ist aber kein Auswahkriterium für Bewerber.

Gerade Menschen, die remote arbeiten wollen, vor allem scheinen das unter Dreißigjährige zu sein, die unabhängig arbeiten möchten und dies entweder als Selbstständige verwirklichen, oder in dem sie für ein Unternehmen tätig sind, das Remoteworking anbietet, müssen in der Lage sein, sich selbst zu organisieren und sich selbst zu motivieren. Von überall zu arbeiten, bevorzugt sind instagramable Faroff-Plätze, erfordert tatsächlich sehr viel Selbstdisziplin, aber auch ein gerütteltes Maß an Egoismus.
Ich unterscheid hier zwischen Remote (also unter Umständen von zu Hause aus) arbeiten und auf Reisen arbeiten. Was die Leute brauchen, die Reisen und arbeiten, passt meist in einen Rucksack. Ein stabiles Laptop, ein Smartphone, vielleicht ein Tablet mit Bluetooth Tastatur, Ladegeräte, Akkupacks, Kabeln und starke Sonnenmilch.


Das digitale Nomadentum scheint das Ding zu sein. Es wird durchwegs nur positiv dargestellt, all diese Nomaden sind fesch, sympathisch, kreativ, spontan, mutig, belesen und überhaupt bemerkenswert in jedem Sinne, wo sie hinreisen, ist Achterbahn. Jeder Ort, an dem sie waren, wird zum Hotspot, wenn es nicht schon einer war.

Mein Eindruck ist, dass das eine Modeerscheinung ist. Nicht das Nomadentum, das gabs schon seit jeher. Nein, ich meine die positive Darstellung und Rezeption des Nomadentums. Fast jahrhundertelang galt der fahrende Geselle, der Heimatlose, als Mensch geringen Wertes. Gut war, ein Daheim zu haben, eine Familie, einen Job, und all das möglichst lange, ohne Unterbrechung. Zugegeben, das klingt spießig und ist es vermutlich auch. Mich stört nicht, dass die U30er in der Welt herumgondeln und Marketingjobs erledigen. Übersetzungen liefern, Reiseblogs verfassen usw. In unserer Welt ist das eine legitime Art, sein Leben zu führen. Was mich irritiert, ist die intensive Bewerbung dieses Lebensstils. So als gäbe es nichts Besseres. Vor allem, weil alles Ü30 (über Dreißigjährige) ausgeblendet wird, als ob es das nicht gäbe oder so widernatürlich ist, dass man es verschweigt.

Während ich der Möglichkeit, remote zu arbeiten, viel abgewinnen kann, erscheint mir das Nomadentum der digitalen Generation eher von Rastlosigkeit getrieben, als von Selbstverwirklichung. Die Suche nach neuen Orten, Hotspots, nach Menschen und Ländern erscheint mir wie die Suche nach neuen Apps, um sich zu organisieren, den Weg, wie man an die Dinge herangeht, zu ändern, den Fokus neu anzupassen.
Mir fehlte als Digital Nomad die Muße, den Ort den ich besuche, zu genießen. Was habe ich davon, in Brasilien in einem kleinen Dorf im einzigen Lokal mit WLAN zu sitzen (dafür ohne Klimaanlage), und verschwitzt an einem Marketingkonzept zu arbeiten? Das kann ich im Sommer in Wien am Balkon unterm Sonnenschirm auch haben - und weiß, dass die Drinks nicht gepanscht sind.

Dazu kommt, dass das Leben als Digital Nomad nicht billig beginnt. Dabei gehts mir weniger um die Wahl der ersten Ziele, sondern um die Anschaffung aller Devices, die man braucht, um Starten zu können, plus den Erwerb aller möglichen Lizenzen für Software.

Ich gestehe, dass mir die Idee vor zwanzig Jahren gefallen hätte, als Schriftsteller an exotischen Plätzen zu schreiben, der Hansdampf in allen Gassen, der Kerl, der die Welt kennt und in Sloppys Bar in Venedig ebenso gebechert hat wie in Sloppys Bar in Florida und in Sloppys Bar in Havanna, der in der Bar La Terazzas in Cojimar auf der Terrasse sitzt, windgekämmt und sonnengegerbt, braun und voller Lyrik, vertraut mit allen Apps und Wlan-Hotspots dieser Welt - aber irgendwann hätte ich dann auch nach Hause gewollt. Vielleicht, weil es in der Natur von uns Menschen liegt, ein Zuhause zu mögen, ein Nest zu bauen, den Ort zu haben, zu dem man immer wieder zurückkehren kann, wo man willkommen und sicher ist. Klingt jetzt sicher spießig und alles, okay, aber ist es nicht auch spießig, alle, die nicht dieses instagramnormierte Leben führen, als Spießer abzutun?

Remote zu arbeiten als zusätzliche Möglichkeit, beweglich und unabhängig zu sein ist für mich sehr in Ordnung. Das sektenhafte Propagieren eines unsteten Lifestyles ist für mich nachvollziehbar, weil die Protagonisten das Alleinsein spüren, und durch virtuelle Gruppenbildung kompensieren, aber es erscheint mir falsch.
Und spätestens, wenn man eine Beziehung hat und über Kinder nachdenkt, erweist es sich auch oft als falsch.

Tut es das nicht, muss man mit dem hohlen Gefühl leben, ein einsamer Egoist zu sein, den die Getriebenheit einsam macht weil sie ihm wichtiger ist als alles andere..

 

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