09.03.2019

Hemingway & Goldsmith


Lange, sehr lange, bevor ich Ernest Hemingway las, habe ich ihn gehört. Und zwar, ohne zu wissen, dass es dabei um Hemingway geht.
Ich war in meinen späten Teenager- und in meinen frühen Twenjahren ein leidenschaftlicher Sammler von Filmmusik, und meine Lieblingskomponisten waren zu jener Zeit, in nicht wertender Reihenfolge: Jerry Goldsmith, James Horner, John Williams, John Barry, Alan Silvestri und Ennio Morricone.
In Wien gab es bis vor nicht all zu langer Zet ein Fachgeschäft für Filmmusik und Filmplakate, und wenn ich genug Geld hatte, um zumindest eine Schallplatte zu kaufen (das war zu Schillingzeiten an der alten Adresse des Geschäfts, als ich noch Schallplatten kaufte), ging ich dorthin, um stundenlang zu stöbern. Mir gefiel schon damals das Gefühl, in Antiquitäten einzutauchen. Alte Filme, von denen niemand mehr sprach, Komponisten, die keiner kannte und die doch alles beeinflusst hatten, was nach ihnen kam. Mir gefiel es, dort unzählige Soundtracks anzuhören, die Overear-Kopfhörer überzuziehen und in Abenteuerwelten zu versinken: Stu Philip mit Kampfstern Galactica, John Barry mit The Persuaders, John Williams mit Dracula, einer der besten Soundtracks überhaupt ...
Und natürlich hörte ich auf die Ratschläge des kahlköpfigen Geschäftsführers, dem ich wahrscheinlich irgendwie einerseits zur Last fiel, weil ich dauernd in seinem Laden herum hing und der sich andererseits freute, einen Filmmusik Fan zu haben. Für den Laden war ich wahrscheinlich der Bastian Baltasar Bux der Filmmusik.


Er machte mich auf Jerry Goldsmith aufmerksam, der auf meinem Radar nur ganz außen leise blinkte. Und dann auf die Sonderausgabe der Filmmusik zu dem alten, romantischen Film: Islands in the stream. "Hör dir das mal an", sagte er zu mir und natürlich hörte ich mir die drei ersten Tracks der CD an. Und war hin und weg. Zuerst hatte ich ein komisches Gefühl. Islands in the stream, das klang so wie ein Schmachtfetzen von Kenny Rogers. Und ich dachte, da gehts um Inseln in einem Fluss.
Wunderbare Ahnungslosigkeit. Es gab kein Internet, um sich Informationen zu beschaffen. Ich wusste nur, da gab es einen Film, der hieß Inseln im Strom, die Musik komponierte Jerry Goldsmith und die war wunderschön. Klanggewordene Lebensfreude.



Viel später erst erfuhr ich, dass mit Inseln im Strom die Inseln im Golfstrom gemeint waren, und dass es in dem Film um einen Maler geht, der auf Bimini lebt, und dessen Söhne auf zu ihm auf Besuch kommen. Noch später lernte ich, dass der Film auf Basis des gleichnamigen Romans von Ernest Hemingway gedreht wurde. Und sehr lange, bevor ich Der alte Mann und das Meer las, kaufte ich ein zerfleddertes Exemplar von Inseln im Strom, das ich bisher mindestens zehn Mal gelesen habe.
Nicht, ohne dabei die Musik von Jery Goldsmith zu hören, der, ohne all die Biographien von und über Ernest Hemingway zu berühren, seine eigene Interpretation zum Besten gab. Wir wissen, dass Thomas Hudson, der Maler, Hemingway selbst ist, und dass ihn die tiefe Liebe zu seinen Söhnen das Herz zerriss.


Das Geschäft, ich denke, es hieß IKARUS, gibt es nicht mehr. Die Schallplatten, die ich hatte, sind alle weg, die Filmmusiksammlung auf CDs ist im Keller in großen Kisten verpackt.
Mir kommt der Gedanke, ob es nicht Teil meiner Rückkehr aus dem digitalen Wunderland in das pre-digitale Zeitalter sein könnte, einen alten CD-Player mit ganz normalen, aber guten Stereoboxen zu kaufen und auf all diese At-your-fingertips-Verfügbarkeit zu verzichten.
Aber was mache ich dann mit der sündteuren Samsung Soundbar? Egal - das ist ein anderes Thema.

Mein Ratschlag: Hört Euch die alten, orchestralen Soundtracks von Jerry Goldsmith an. Oder Ennio Morricone. Wenn auch nur ein Hauch von einem Schriftsteller in Euch steckt, ist diese Musik für Euch wie Regen, der auf einen Wald fällt.

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