01.03.2019

Manchmal entgleiten sie


 Ich weiß ja nicht wie es Euch so geht, aber manchmal entgleiten mir Geschichten. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Manchmal entwickelt sich ja auch ein Urlaub nicht so, wie geplant, und das, was man erlebt, ist besser als das, was man geplant hat.
Ernüchternd ist es allemal, wenn ich einen Roman fertig habe, und das noch nicht abgekühlte Manuskript auf grobschlächtige Fehler hin abklopfe und nebenbei markierte Grammatik- und Rechtschreibfehler ausbessere und dabei das bleiche Gefühl von Unzulänglichkeit aufkommt. Nach diesem ersten Durchlauf, den ich in den meisten Fällen rund zehn Tage nach Fertigstellung des Rohmanuskripts mache, empfinde ich die Geschichte meistens als fertig erzählt.
Manchmal aber beschleicht mich dann das Gefühl, dass ich sie zwar fertig erzählt habe, aber irgendetwas wesentliches fehlt. Ich kann nicht erkennen, was es ist, habe nur einen Verdacht, dass es so ist.

Das letzte Mal hatte ich dieses dumpfe Rumoren in mir, als ich die erste Version vom Roman *Der Falke im Sturm* fertig hatte und tief in mir unzufrieden damit war. Die Geschichte war hübsch und rund. Und sie war belanglos. Es fehlten die grundsätzlichen Perspektiven, aus denen der Roman erzählt wird, und ein Handlungsüberbau, sagen wir, der Rahmen, der alles zusammenhängt. Ich ließ das Manuskript auskühlen und las es zwei Monate nach Fertigstellung noch einmal und wusste auf einmal, als ich es mit dem kalten Auge des Fremden las, was fehlte und wie ich es einfügen könnte, ohne aus dem Roman ein Schnippselwerk zu machen.

Ein ähnliches Gefühl habe ich auch bei CODA, der Roman, den ich gerade fertig gestellt habe. Er ist schön, finde ich, mit einigen sehr emotionalen Szenen, einer nachvollziehbaren Handlung aber irgendwo klafft ein Loch - nicht eine Szene oder ein Kapitel. Es ist mehr die gesamte Stimmigkeit des Romans; die steht auf sehr tönernen, schwachen Füßen.


Mein ehemaliger Herausgeber, Lektor und Förderer Joachim Bartholomae schrieb mir vor langer Zeit: "Fass die Handlung Deines Romans in zwei Sätzen zusammen, druck sie aus und häng sie Dir über den Schreibtisch!" Das klingt zunächst einmal wie ein ganz toller Rat, aber wie die meisten tollen Ratschläge erfordern sie ein Umdenken, ein an sich arbeiten. Und ich bin doch nun mal so eine faule Sau!
Ich werde einfach dem Pfad folgen, dem ich schon immer folgte, wenn mir ein Roman zu entgleiten droht: Ich bestrafe ihn durch Nichtbeachtung, fange was Neues an und nehme ihn in zwei Monaten noch einmal zur Hand. Und entweder knallt mir dann die Erkenntnis rein wie Trinkspiritus, was ihm fehlt, oder er wandert ins Archiv.
Und ich kann Euch sagen, dort ist er nicht allein.

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