13.03.2019

Produktivität vs. Effektivität


Als ich anfing zu schreiben, zum ersten Mal überlegte, einen Roman zu schreiben, dachte ich in epischen Maßstäben. Wenn ich ein Buch schreibe, dann muss es der große, europäische Roman sein. Mindestens sechshundert Seiten. Das musste ein Ziegel werden.

Das Leben zeigte mir, dass ich weder in der Lage war, einen großen, europäischen Roman zu schreiben, noch, dass ich es schaffe, einen Roman zu schreiben, der mehr als dreihundert Seiten hat, der glaubwürdig ist und dicht. Das habe ich bis jetzt nur einmal geschafft: Die Inseln im Westen. Und da hatte das Rohmanuskript eintausendzweihundertdreißig Seiten; das habe ich auf rund neunhundert Manuskriptseiten eingedampft.

Mir liegt die dreihundert Seiten Grenze und wenns geht, dann schreibe ich am liebsten noch kürzere Romane.
Gerade lese ich Dezember Park von Ronald Malfi, der mich ein wenig an Stephen Kings Jugendgeschichten erinnert, und an Ray Bradburys Staubhexen und Jugendabenteuer. Aber das verdammte Ding hat einfach um rund einhundertfünfzig Seiten zu viel, auf denen der Autor nicht erzählt sondern schwafelt. Um damit zum Punkt zu kommen: Er war produktiv, als er den Roman verfasste, korrigierte und überarbeitete, aber das Ergebnis ist nicht effektiv. Ich als Leser habe das Gefühl, beim Lesen leere Kilometer zu machen.


Und genau so geht es mir bei all den Produktivitätsratgebern und Produktivitätstools. Alle schreien Dich an: Sei produktiv. Wir sagen Dir, wie!
Freunde, ich will nicht produktiv, Ich will effektiv sein. Wenn ich produktiv schon höre! Als ich noch bei UPC arbeitete, war ich in der IT am Rande mit einem Projekt befasst, in dem es um die Konsolidierung von Verrechnungs- und Provisionierungssystemen ging, für das die Firma Accenture beauftragt wurde. Freunde, die waren produktiv. Keine Powerpointpräsentation unter zwanzig Seiten.

Gut, mit der Entwicklung neuer Kollaborationstools wie Twist oder Trello, Slack oder Dropbox Paper wurde auch die Arbeitskultur nachhaltig verändert und Effektivität durch schlankes Projektmanagement erzielt. Eh die richtige Richtung mit agilem Projektmanagement und so weiter und so fort. Für das Selbstmanagement heißt es aber noch immer Produktivität ist super!

Mein pars pro toto in dieser Sache ist die Bullet Journal Methode nach Ryder Carroll. Das ist ein Hype, dass die Türe nicht zugeht. Ich meine, mir gefällt der Zugang, sich von all den Produktivitäts-Apps freizumachen und durch das Schreiben per Hand auf Papier einen anderen, unmittelbareren Zugang zu sich selbst zu finden. Aber das Drumherum. Aber das sektenhafte Getue der Bullet-Journal-Method-Community! Die sich gegenseitig loben und kritisieren, wenn sie in ihren Foren über neue Symbole und Seitenaufteilungen schwadronieren.
ich meine, hallo?
Die verbrennen 80% ihrer Produktivität mit der Administration ihrer Effektivität. Und fühlen sich wohl dabei.
Andererseits darf ich nicht so überheblich sein und diese Herangehensweise verurteilen, ohne etwas Besseres vorschlagen zu können.
Mein Zugang zur Effektivität ist sehr, sehr einfach: Das Wichtige zuerst. Und was wie wichtig ist, gewichte ich in der Früh, wenn ich mit dem Laptop im Wohnzimmer sitze, Kaffee trinke und Todoist offen habe, oder das Notizbuch neben mir.

Das ist alles andere als eine umfassende, knackige Lösung, schon klar. Aber es ist die Schlussfolgerung aus meiner Erkenntnis, dass man eben nicht immer planen muss, nicht immer produktiv und effektiv sein. Manchmal eiert man einfach nur so herum und lebt sein Leben.

Für mich ist das mehr als okay.

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