04.04.2019

Fokussiertes Arbeiten


Seit langem treibt mich ein Verdacht um, ein Gefühl, vielleicht sogar eine Befürchtung. Werde ich senil? Verliere ich meine Fähigkeit, konzentriert und ausdauernd an einer Sache zu arbeiten? Verblödet komme ich mir nicht vor, aber zerstreut, und - das ist verzwickt - fragmentiert im Denken. Bis zu einem gewissen Grad fällt es mir leicht, den Schuldigen dafür auszumachen. Es ist die Bequemlichkeit, sich nichts wirklich widmen zu müssen, wenn man ununterbrochen abgelenkt und unterbrochen wird bei dem, was man gerade tun will.
Schreib eine Szene, recherchiere ein Detail (zB in meiner Kurzgeschichte über Vampire, die einen Jahrmarkt der Wiedergutmachung betreiben, über die Wälder nördlich von Budapest) und drei Stunden später Twitter gelesen und Facebookpostings gecheckt, auf Amazon ein Buch gesucht und auf Google Maps blödsinnig herumgescrollt.

Das Gefühl für den Wert ernsthafter Arbeit wurde zurückgedrängt vom Wunsch, für jeden Schaß, den man lässt, belohnt zu werden, ohne eine Anstrengung auf sich zu nehmen. Ein Like hier, ein Herzchen da, ein Schulterklopfen aus der Anonymität für eine möglichst angepasste Meinungsäußerung (die nur auf rebellisch tut) um möglichst viele Likes einzukassieren.
Ernsthafte, stundenlange Arbeit ist unattraktiv geworden, wenn man doch das wohlige Gefühl, geliked zu werden, so billig abstauben kann.
Das ist ein Erziehungs- ein Lerneffekt, der zutiefst toxisch wirkt auf unsere Fähigkeit, sich ernsthaft und nachhaltig mit Themen auseinanderzusetzen.
Gerade als Schriftsteller ist es verheerend, das gute Gefühl langer, konzentrierter Arbeit einzutauschen gegen billige Effekthascherei und Zerstreuung, für die man gesellschaftlich belohnt wird.

Alles an unseren digitalen Helfern ist darauf aus, uns von dem abzulenken, was wir gerade tun - oder auch nicht tun, denn selbst das Nichttun ist eine Entscheidung, die man trifft. Ununterbrochen, wird uns suggeriert, liegt die Bestätigung der eigenen Weltsicht nur einen Fingerwisch weit weg. Die Orientierung im Leben durch das regulierende Kollektiv, alles da. Brauchst nicht nachdenken, nicht Zeit verschwenden mit dicken Büchern, musst nicht arbeiten für das Gefühl, ein wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein. Like die anderen und du wirst geliked. Ganz ohne Nachdenken und ohne Stress.

Freunde, das ist Beschiss hoch 3!
Und deswegen streife ich wie eine unwirsche Katze um die Themen Digital Detox, Paperwork, Deep Work - jetzt schaut mich an, von Anglizismen vergiftet wie ne Nutte nach einem dreckigen Fick mit einer Tripperschleuder!
Aber es ist nicht leicht, ich kann Euch sagen. Sich aus diesem leichtfüßigen Belohnungssystem auszuklinken, ist harte Arbeit.

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