Follower vs Leser

Auf Twitter gibt es in Threads manchmal die höhnische Bemerkung: «Was willst Du denn hier schon groß mitreden, mit Deinen 20 Followern?» Damit soll das Gewicht einer Twitternachricht nach unten reguliert werden, so, als ob der Inhalt eines Tweets etwas damit zu tun hätte, wie viele Follower ein User hat. Bedauerlicherweise gibt es diese hingerotzte Abwehr nicht nur aus der rechten Ecke (wo man meiner Meinung nach oft über solche diskreditierenden Äußerungen stolpert) sondern auch aus der linken. Dabei denke ich mir: Was sagt eine hohe Followerzahl über die Beliebtheit und Glaubwürdigkeit einer Person aus? Manchmal passt es, manchmal passt es nicht, und sehr oft ist die Followerzahl irreführend, weil man Follower kaufen kann. Auf Facebook, Twitter und Instagram.

Das führt mich zu einer weiteren Frage: Sagt die Anzahl von verkauften Büchern etwas darüber aus, wie viele Menschen tatsächlich das Buch gelesen haben? Ein Buch geht durch viele Hände. Die Zahl der Leser eines Romans ist höher als die Zahl der Käufer. Und wenn es je einem Schriftsteller um etwas geht, dann wohl darum, gelesen zu werden.

Auf Twitter sagt die Zahl der Follower nichts über Zustimmung oder Lesefrequenz aus. Man sieht das besonders gut an den Twitterprofilen der Journalisten und Politiker:

Following ist nicht gleich Zustimmung oder positive Anteilnahme

Und so kommt es, dass in einem viel gelesenen und oft kommentierten Tweet auch die Postings von Usern tausendfach gelesen werden, die selbst nur 15 Follower haben.

Ein Buch, das ich in meiner Kindheit geliebt habe, ist: «Wir Kinder von Neulati» von Lothar Sauer. Man kann es noch in Antiquariaten finden. Oder der Roman: «Das Reich im Mond», von Manfred Langrenus, der in Wirklichkeit Prof. Dr. Friedrich Hecht hieß. Fast vergessene Werke, zumindest von den Medien vergessen, von der öffentlichen Wahrnehmung. Und doch bin ich sicher, dass diese beiden Jugendromane wesentlich öfter gelesen als gekauft wurden.

Natürlich ist es schön, viele echte Follower zu haben und viele Buchexemplare zu verkaufen. Manchen, Menschen wie mir, ist das nicht gegeben. Und ich tröste mich dann gerne mit dem Gedanken, wie oft ein Roman von mir aus irgendeinem Buchregal in der Tasche von jemand verschwand, wie oft er gelesen wurde, von jemand, den ich nicht kenne. Von jemand, der das Buch nicht gekauft hat sondern geschenkt bekam oder fand. In einer Truhe auf dem Dachboden. Oder in einer Schachtel im Kellerabteil. Bücher können sterben. Und manchmal leben sie länger, als man denkt. Irgendwie wie Geister. Der Gedanke gefällt mir.


Anmerkung: Eines der unscheinbarsten Bücher der Literaturgeschichte, genauer gesagt, der lateinamerikanischen Literaturgeschichte, ist der dünne Roman Pedro Páramo von Juan Rulfo. Kaum jemand, der sich in der Literaturszene umtut, kennt den Roman, und wäre Rulfo ein Twitteruser, würde man ihn auslachen, weil er nur 20 oder 30 Follower hätte.
Der Grund warum Juan Rulfo doch eine gewisse Bekanntheit hat, ist, weil Gabriel Garcia Marques dessen Roman Pedro Páramo als das Werk hervorhob, das ihn am Nachhaltigsten in seinem Schaffen beeinflusst hatte.

Stimmen zum Roman Pedro Páramo

Pedro Páramo ist einer der besten Romane der spanischsprachigen Literatur, wenn nicht sogar der ganzen Literatur. Jorge Luis Borges

Hab es und lies, damit Du lernst! Álvaro Mutis zum jungen Gabriel García Márquez

Ich konnte nicht einschlafen, bevor ich das Buch zum zweiten Mal gelesen hatte. Gabriel García Márquez
Die Geschichte besitzt die erschreckende Realität des Alptraums. Octavio Paz


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