Mit der Hand schreiben

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Und noch immer behaupten so viele, die sich dazu berufen fühlen, das Internet - mit Fokus auf die sozialen Medien - würde uns doch so viel geben: Kontakt mit weit entfernten Freunden, Nachrichten und News, Unterhaltung, Spiel, Spaß und Spannung.
Nichts davon ist wahr. Was uns die sozialen Medien, die "Productivity Apps", die Smartphones geben, ist das Gefühl, beschäftigt zu sein. Und in dem Maß, in dem das Gefühl stärker wird, beschäftigt zu sein, desto weniger produktiv ist man.

Die Zerstörung der Ausdauer

Über einen längeren Zeitraum lässt sich gut beobachten, wie die sozialen Medien unsere Konzentrationsfähigkeit weichkocht und fragmentiert. Statt uns lang und intensiv mit einer Angelegenheit befassen zu können und zu wollen, werden wir von Unterhaltungshäppchen zu Informationsteilen gehetzt, alles nur einen Fingerzeig weit weg. Und das alles, um

1) Unsere Aufmerksamkeit zu bündeln
2) Unsere Zeit in Anspruch zu nehmen
3) Werbung zu zeigen.

Als Benutzer von Productivity Apps und sozialen Medien ist man nicht der Kunde. Man ist das Produkt. Was dabei verloren geht, ist einerseits die Qualität des Privaten. Man verliert den Anspruch an sich selbst, nicht nur ein soziales Wesen zu sein, sondern eben auch eine Privatperson.
Und was noch verloren geht, ist die Fähigkeit zur Konzentration. Vereinfacht gesagt, begünstigen die sozialen Medien und all die "shiny" Apps die Idiotisierung der Gesellschaft. Eine Vermassung der Unaufmerksamkeit.

Was hat das mit Productivity Apps zu tun? Kern der Sache ist, dass sowohl diese Apps als auch die sozialen Medien einen Zugang zu unserer Aufmerksamkeit durch das Smartphone gefunden haben. Und wenn man nicht gerade Katzenbilder ansieht oder sich über üble Nachrichten aufregt, beschäftigt man sich scheinbar mit der Selbstoptimierung - denn das versprechen die Productivity Apps wie

und viele mehr.

Und was hat das alles mit dem Thema der Überschrift zu tun? Mit der Hand schreiben?

Zunächst einmal ein simpler Gedanke: Alles, was mich dazu bewegt, ohne Not und wirklichen Grund das Smartphone in die Hand zu nehmen, ist schlecht. Das Gefühl, unsicher zu sein oder mich zu langweilen, wenn ich es nicht in die Hand nehmen kann, ist schlecht. Auf das Display zu schauen, um sich nicht unbeschäftigt zu fühlen, ist schlecht.

Jaron Lanier hat in seinem Buch: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst mehr als genug Beweise aufgelistet, dass soziale Medien unser Denken, Fühlen und Verhalten nachhaltig beschädigen und deformieren. Ich will mich nur auf einen Punkt konzentrieren, und das ist eben unser langer Atem. So wie das Rauchen unsere Kondition schädigt und uns kurzatmig macht, so beschädigen die sozialen medien unsere geistige Kondition, unser Denkvermögen, unseren langen Atem bei der konzentrierten Arbeit. Das muss nicht per se das Ziel der Erschaffer der sozialen Medien gewesen sein, aber ich bin sicher, sie nehmen es wohlwollend in Kauf. Was kann es besseres geben als Menschen, die keine Ausdauer haben, Themen ernsthaft zu hinterfragen, die sich wohlig beschäftigt fühlen und einfach nur konsumieren?

Ja aber mit der Hand schreiben!

Jeder sollte es tun, finde ich. Tagebücher, Notizen, Gekritzel, Reiseberichte, das Leben und überhaupt alles, was sich in Worte fassen lässt, sollte man mit der Hand auf Papier schreiben. Es hilft, sich auf sich selbst und auf das eigene Leben zu besinnen. Es hilft, die Beobachtungsgabe zu schärfen. Es tut gut, sich von allem abzunabeln und ganz auf sich allein gestellt, mit der Hand auf Papier zu schreiben. Es ist ein sinnliches Erlebnis, es hat auch etwas (huch) Elitäres an sich. Es wurde rar, und was rar ist, ist oft wertvoll. Das, was man auf Papier schreibt und bei sich hat, kann nicht in den Algorithmus fließen, der unser Leben zur Statistik entwertet. Es ist bei uns und es bleibt bei uns, es ist ein Beweis der Souveränität und des gewollten Lernens. Es ist mehr, als sich nur mit sich selbst beschäftigen, es ist das aufrichtige Bemühen, das Leben zu erfassen und alles, was mit dem Leben an und für sich zu tun hat.

Und es wirkt. Es löst die Klammern der sozialen Medien. Ihre Wichtigkeit verblasst, und man erkennt, wie banal, beliebig und austauschbar all das ist, was einem dort geboten wird. Denn es wird einem nichts geboten. Es ist nur Schalmei, Lug & Trug und Täuschung.


Die letzten zwei Jahre in der Corona-Krise haben mir gezeigt, dass die Menschen sehr wohl in der Lage sind, Alternativen zu finden, wenn es notwendig wird. Kids, die statt in teure Clubs lieber in Parks feiern? Top! Leute, die statt telefonieren einander wieder besuchen? Top! Eine Rückbesinnung auf Privatleben, Autonomie und geistige Gesundheit? Check.

Leute, schreibt mit der Hand. Kauft Euch schöne Notizbücher und gute Stifte, gustiert bei der Auswahl Eurer Werkzeuge und ersetzt damit alles, was Ihr bislang als Unersetzbar betrachtet habt.
Nehmt Euch Zeit für Euch selbst, lasst Euch nicht leiten und führen von mathematischen Budenzauber. In einem späteren Beitrag werde ich darüber schreiben, welche Notizbücher ich gerne benutze, welches ich gerade in Verwendung habe, womit ich gerne schreibe und was bei mir alles im Notizbuch landet - und wie.


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