Nein, M´am! - ein Rant

Vor geraumer Zeit schrieb Alexandra Samuel einen Artikel, der auf dem Harvard Business Review veröffentlicht wurde. In diesem Artikel, mit dem Namen Dear Colleague, Put the Notebook Down geht es mehr oder weniger um ihre persönliche Vorliebe für digitale Notizbücher, und dass sie das Notieren mit der Hand auf Papier bestenfalls für eine eitle Attitüde hält. Mit einer geradezu unverschämten Gemütshaltung übt sie sich in Geringschätzung und Arroganz:

You’d make better use of your time if you took your notes in digital form, ideally in an access-anywhere digital notebook like Evernote that makes retrieval a snap

Oder das hier:

You could be one of those romantic types who say that the visceral process of putting pen on paper liberates your creativity and engages lateral thinking. If you’re an after-hours poet, then, yes, that paper notebook will come in handy. For this, though, can you please go back and grab your laptop?

Nein Ma´m. Nein. Du wirst niemand vorschreiben, welche Tools und Methoden anzuwenden sind, um Arbeit zu erledigen. Und jeder Mensch, der sich in eine berufliche Situation gebracht hat, in der Menschen wie Du auf Mikromanagement-Ebene über derlei Kleinkram bestimmen können, hat ein ganz anderes Problem.

Allein die Arroganz zu glauben, Produktivität wäre eine Sache digitaler Hilfsmittel und nicht eine Geisteshaltung, lässt tief blicken. Dass Du dann auch noch - wie nennt Ihr das - quasi ein Evernote-Evangelist bist, lässt Dein Geschreibsel wirken wie die Prophezeiung eines Kreditkartenherstellers, der von der Abschaffung des Bargelds schwafelt.

Ich kenne herausragende Prozessexperten und Manager, die noch immer unverdrossen mit der Hand auf Papier schreiben, weil sie dadurch nicht zu Informatuionsmessies werden und wurden, sondern sehr präzise notierten, was wichtig war und ist.

Die Begründungen, die Du anführst, digitale Notizbücher zu verwenden, sind hanebüchen:

  • Du willst mir den Titel eines Buches schicken, das ich lesen soll? Schick mir eine Mail oder sag einfach den Titel. Ich schaffe es, das mit der Hand aufzuschreiben
  • Ich soll die Daten, die ich in ein digitales Notizbuch schreiben soll, weiterverwursten? Sorry, so arbeitet man nicht im Management. Bin keine Schreibkraft.

Maybe you believe that the act of handwriting improves your memory of what was discussed. Of course, a digital notebook means you don’t have to remember anything, because, you’ll have a complete, legible and searchable record of the entire meeting

Und das ist überhaupt die größte Frechheit: Du willst allen Ernstes, dass man digitale Notizbücher verwendet, da man sich dann nichts mehr merken muss, weil man eh alles in Notizbüchern hat: Ist das Dein Ernst? Das Hirn auslagern? Die Fähigkeit, zu denken, sich etwas zu merken, Verbindungen herzustellen? Das alles soll man unterlassen weil man eh

a digital notebook means you don’t have to remember anything, because, you’ll have a complete, legible and searchable record of the entire meeting

hat? Meine Liebe: Vor Ratschlägen wie Deinen und Menschen wie Dir muss man als Arbeitnehmer, als Manager, als Wissensarbeiter, flüchten. So schnell es nur geht. So weit man nur kann. Menschen wie Du sind allein aus ideologischen Gründen oder aus fanatischer Hingabe zu einer App die Totengräber des Deep Working. Durch Menschen wie Dich wird konzentriertes Arbeiten zu einer reinen Textblock-Verschieberei. Du denunzierst geistige Leistung. Und Du bevormundest Kolleginnen und Kollegen, indem Du ihnen vorschreiben willst, sich Deiner Doktrin zu beugen.

Nein, wegen Menschen wie Dir werde ich das Notizbuch nicht nur nicht aus der Hand legen, ich werde es umso intensiver nutzen und bin dankbar, in einem beruflichen Umfeld arbeiten zu dürfen, in dem Menschen wie Du nicht mal zwei Tage überstehen würden.

... versuche mir grad vorzustellen, Du kommst in ein Meeting, in dem es um Details eines neuen IT-Prozesses geht, und Du sagst dann zu einem der anwesenden Board-Manager: "Bitte leg Dein Notizbuch weg und nimm ein Laptop!"

Ich sehe ja nicht gerne zu, wenn Menschen untergehen, aber da würde ich mich zurücklehnen und eine Tüte Popcorn hervorzaubern.

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Postscriptum

Ich bin kein militanter Gegner von digitalen Notizbüchern. Tatsächlich finde ich ich sie in bestimmten Situationen ganz nützlich. Privat nutze ich Standardnotes, über das ich auch diesen Blog befülle. Das Spektrum, in dem ich das Tool nutze, ist sehr eng gefasst. Ich habe das schon in anderen Beiträgen beschrieben: Komplexeres kommt auf Papier, Eckdaten von Reisen wie zB Tickets, Zahlungsbestätigungen, Reservierungen udgm kommen ins Notizbuch, damit ich sie auch am Smartphone dabei habe.

Besprechungsnotizen oder Notizen in Trainings schreibe ich immer mit der Hand auf Papier.


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